Ich muss verrückt sein: Ich mag Spielregeln

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Donnerstag, 18. Januar 2018

 

„Fahrkarten, bitte!“ Ich krame gedankenverloren nach meinem Jahres-Abo. „Ach, Sie sind’s“, sagt der Zugbegleiter, als er mich sieht. „Lassen Sie stecken. Und viel Spaß beim Lesen…“ Man kennt mich. Seit über zehn Jahren fahre ich die Strecke zu meinem Arbeitslatz. 30 Minuten hin, 30 Minuten zurück. Aber die Schaffner nehmen wahrscheinlich gar nicht mich persönlich wahr, sondern vielmehr meinen Lesestoff. Ich lese Regeln, Spielregeln. Jeden Tag. Gut eine Stunde lang. Und das ist so ungewöhnlich, dass mich die Zugbegleiter wiedererkennen. 

Ich gebe zu: Ich muss verrückt sein! Wer liest schon freiwillig und auch noch gerne Spielregeln? Tatsächlich liebe ich es, mich Stück um Stück an ein Spiel heranzutasten und mir den ganzen Ablauf vorzustellen. Kopfkino sozusagen. Alfred Hitchcock soll einmal gesagt haben, dass er im Kopf seinen Film schon fertig habe, bevor er ihn drehe. Geht mir auch so. In meinen Innern stelle ich mir vor, wie das Spiel abläuft, wo die Finessen liegen, aber auch, an welchen Stellen es haken könnte. Und dann der Gipfel der imaginären Vorstellungskraft: Ich gehe im Einzelnen durch, wie ich das Spiel anderen erklären würde, wie ich in die Thematik einführe, das Material beschreibe, die Siegbedingungen erläutere und erst dann auf die Aktionen eingehe. 

Freilich: Das Lesen der Regel allein verursacht noch keine Emotionen. Die Freude über einen genialen Spielzug, der Ärger, wenn mir jemand etwas vor der Nase wegschnappt – all das passiert nur beim Spielen. Das gemeinsame Spielerlebnis ist der Höhepunkt. Das Lesen der Regel aber immerhin das Vorspiel dazu.

Irgendwie verwundert es mich schon, dass ich so ticke. Denn normalerweise bin ich nicht so einer, der im normalen Leben immer auf die Einhaltung von Regeln pocht. Beim Autofahren „überrolle“ ich hin und wieder ein Stoppschild, als Fußgänger gehe ich schon mal bei Rot über die Straße. Warum bin ich dann beim Spiel so ein Regel-Fanatiker? Ganz einfach: Mir geht es nicht um das sture Einhalten von Regeltexten. Ich möchte mich einfach so gut es geht auf das Spielerlebnis vorbereiten. Denn wenn einer am Spieltisch die Regeln schon kennt und sich mit den verschiedenen Spielzügen auseinander gesetzt hat, geht alles viel schneller von der Hand.

Nur schade, dass kaum jemand diese Begeisterung mit mir teilen mag. „Ich würde ja viel mehr spielen, wenn ich nicht diese langen Spielregeln lesen müsste“, höre ich oft. Stimmt. Manche Spielregeln sind in der Tat unnötig kompliziert geschrieben, sind mitunter lückenhaft oder ungenau. Regeln schrecken ab. Sie sind wie eine große Hürde und verhindern vielleicht, dass überhaupt ein Spiel ausprobiert wird. Aber was rät uns die Psychologie in einem solchen Fall: „Wenn du vor etwas Angst hast, dann besiege es, indem du es dir zum Freund machst“. 

Genau, mach die Spielregel zu deiner Freundin. Sie ist wie eine unaufdringliche Begleiterin, die dich in das Spiel einführt. Sie ist immer für dich da, wenn du sie brauchst und nicht mehr weiter weißt. Und: Sie hat immer Recht. 

Für alle jene, die sich ganz bewusst ihren Ängsten stellen wollen, möchte ich noch ein paar Tipps geben, wie man mit einer Spielregel umgehen kann:

  1. Nimm dir Zeit, um ein neues Spiel kennen zu lernen
  2. Bau das Spiel für dich auf, sortiere das Material, um dessen Funktion kennenlernen
  3. Lies die Regel Stück für Stück und probiere selbst erste Spielzüge aus
  4. Nicht gleich verzagen, wenn etwas unklar ist. Vielleicht wird es ein paar Zeilen später erklärt
  5. Wenn du  mit dem Spiel vertraut bist, überlege dir, wie du es anderen erklären würdest
  6. Lade zu einem Spieleabend ein. Viel Spaß!

Bernhard Löhlein