Spielekritik oder doch nur Marketing?

von
Freitag, 28. März 2014

Die Jury „Spiel des Jahres“ ist eine Kritiker-Jury. Die Mitglieder schreiben regelmäßig Rezensionen und sind der Unabhängigkeit verpflichtet. Doch wer über Spiele schreibt, begibt sich automatisch auf eine Gratwanderung zwischen Kritik und PR. Denn jeder Text, der sich mit einem Spiel befasst, hat unweigerlich Marketing-Charakter. Es gibt sogar böse Zungen, die behaupten, „Spiel des Jahres“ sei eigentlich nichts anderes als eine Marketing-Abteilung für die Spielbranche.

Denn die Entscheidungen der Jury „Spiel des Jahres“ haben einen großen Einfluss auf den Verkaufserfolg von Spielen. Jurymitglieder üben unbestrittenermaßen große Macht aus. Schon aus diesem Grund müssen sie zwingend aus einer neutralen, unabhängigen Position heraus rezensieren und Distanz zur Spielebranche und deren Exponenten wahren. Das liegt in der Natur der Sache und sollte eigentlich selbstverständlich sein.

In der Praxis ist die Umsetzung dieses Grundsatzes aber eine große Herausforderung, weil es unvermeidlich ist, dass man an Messen und Spieleveranstaltungen ständig persönlich auf Exponenten der Spielebranche trifft. Was mich dabei auch nach elf Jahren in der Jury überrascht, ist ein erhebliches Maß an Unverständnis und Irritation, das mir entgegengebracht wird, wenn ich das Distanz-Konzept erkläre und vertrete.

Immer wieder höre ich von Vertretern der Spiele-Branche, von Verlagen oder Autoren denselben kumpelhaft vorgetragenen Satz, der etwa so lautet: „Wir haben doch alle dieselben Interessen, sitzen im gleichen Boot und wollen, dass sich die Spiele gut verkaufen und das Kulturgut Spiel gefördert wird.“

Irrtum. Wir haben nicht dieselben Interessen.

Ein Verlag hat das Interesse, dass möglichst viele seiner Spiele möglichst gut verkauft werden.

Ein Autor hat das Interesse, dass möglichst viele seiner Titel veröffentlicht werden.

„Spiel des Jahres“ hat aber das Interesse, dass gute Spiele veröffentlicht werden. Spielekritiker sind manchmal durchaus der Meinung, dass es Spiele gibt, die besser nicht veröffentlicht worden wären.

Wenn die Verlage und Autoren tatsächlich dieselben Interessen hätten wie „Spiel des Jahres“, wäre die Jury ja völlig überflüssig. Denn welchen Sinn hätte es dann, in der Flut von Neuheiten nach interessanten und empfehlenswerten Spielen Ausschau zu halten? „Spiel des Jahres“ ist gerade deshalb so erfolgreich, weil der Markt eben doch jährlich immer noch mit einer Fülle von Trash und Spielen geflutet wird, die höchstens durchschnittliche Qualität haben.

Nur damit kein Missverständnis entsteht: Ich habe persönlich nichts gegen Trash. Im Gegenteil: Ich liebe manchen Trash sogar und bin der Meinung, dass Trash natürlich notwendig ist, um die finanzielle Basis von Verlagen und Autoren abzusichern, damit qualitativ höherwertige und aufwändigere Spiele überhaupt produziert werden können. Ich habe durchaus auch ein gewisses Verständnis für den mir gegenüber immer wieder vorgetragenen Satz: „Es ist doch völlig normal und natürlich, dass es in jeder Kulturform viel Trash und Durchschnitt gibt“.

Ja natürlich, aber: Als Spielekritiker und Jury-Mitglied sind Trash und Durchschnitt eben meine natürlichen Feinde. Da steht meine Position im totalen Gegensatz zur Position von Verlagsvertretern und Autoren, die Geld verdienen müssen und wollen. Wir sitzen nicht im selben Boot.

Denn wenn ich als Spielekritiker die Forderung aufstelle, dass Spielen als Kultur von der Gesellschaft ernster genommen werden soll – wie es ja auch viele Verlagsvertreter, Autoren und Vielspieler tun -, dann muss ich doch einsehen, dass Trash und Durchschnitt nicht wirklich hilfreich sind, um dieses Projekt voranzutreiben.

In den vergangenen Jahren ist einerseits ein markanter Rückgang von Spielekolumnen in Öffentlichkeitsmedien auszumachen. Andererseits ist mein persönliches Empfinden, dass es eher schwieriger als einfacher geworden ist, nicht spielenden Menschen die Wichtigkeit des Spiels als Kulturgut zu vermitteln, Verständnis für die selbstverständliche Forderung zu bekommen, dass Spiele anderen Kulturformen wie Büchern, Filmen oder Musik gleichzustellen sind. Meine These: Es könnte auch daran liegen, dass mittlerweile fast alle Menschen mit Brettspielen in Berührung gekommen sind, eigene Erfahrungen damit gemacht und sich selber eine Meinung darüber gebildet haben. Brettspiele sind nichts Exotisches mehr. Viele Leute, die nicht spielen, haben schon gespielt und es hat ihnen nicht zugesagt. Oft spielen sie gerade deshalb nicht, weil sie schlechte, mittelmässige oder banale Erfahrungen gemacht haben. Und sie wollen solche Erfahrungen möglichst nicht wiederholen. Wenn Menschen ihre eigenen, persönlichen Erfahrungen mit Brettspielen anhand von Trash und Durchschnitt aufgebaut haben, dann wird es schwierig, ihnen erzählen zu wollen, dass es sich bei Spielen um ernst zu nehmende Kultur handelt. Deshalb sind Trash und Durchschnitt der natürliche Feind des Kritikers.

Seien wir ehrlich: Bei vielen Spielen merkt man relativ schnell, dass sie nicht wirklich weltbewegend sind. Obwohl Spieleszene und Branche dauernd die Qualität von modernen Spielen beschwören, ist es ja nach wie vor sehr leicht möglich, sich beim Spielen zu langweilen. Wenn nun Vertreter der Spiele-Branche und Szene ständig behaupten, wie gut Spiele angeblich sind, entsteht doch zwangsläufig der Eindruck, dass wir übertreiben. Da nützen alle klugen PR-Massnahmen nichts, die man angeblich ergreifen müsste, und auch ein George Clooney des Brettspiels, der angeblich zu finden sei, wird es nicht schaffen, Nichtspieler auf Dauer einer Gehirnwäsche zu unterziehen, wenn ihre Erfahrungen nicht mit den Anpreisungen im Einklang stehen. Die Leute sind nicht dumm und lassen sich nicht für dumm verkaufen.

Spielen ist eine Form von Home-Entertainment, die in Konkurrenz zu anderen Formen von Home-Entertainment steht. Vielleicht sind viele Spiele ja einfach im Vergleich gar nicht so interessant, wie sich leidenschaftliche Spieler ständig selber einreden. Als Jury-Mitglied, das jährlich Hunderte von Spielen ausprobiert, empfinde ich jedenfalls selber manche Testabende – ehrlich geschrieben – eher als Freiheitsentziehung. Und es ist ja auch kein Geheimnis, dass die Jury „Spiel des Jahres“ in manchen Jahren ein bisschen Mühe bekundet, überhaupt geeignete, wirklich herausragende Spiele für den Preis zu finden.

Home-Entertainment darf Trash sein. Sobald sich eine Form von Home-Entertainment aber einen kulturellen Anstrich und eine gesellschaftliche Wichtigkeit geben will, dann kommen einfach andere Ansprüche hinzu.

Ein Spielkritiker darf im Gegensatz zu den Spieleproduzenten jedenfalls nicht der Ansicht sein, dass es reicht, wenn Spiele einfach vom Alltag ablenken, Spaß machen und sich gut verkaufen. Als Spielekritiker bin ich der Meinung, dass Spielverlage und Autoren vor allem Spiele kreieren müssen, die geeignet sind, in Konkurrenz zu Büchern, Computerspielen, TV, Kino und sportlicher Betätigung zu bestehen. Und darauf muss Spielekritik hinweisen, auch wenn es unangenehm ist.

Ich habe auch den Eindruck, dass viele Verlage und Autoren gar nicht kulturell und gesellschaftlich relevante Spiele kreieren wollen, was für sie auch völlig okay ist. Vielleicht wollen sie ja wirklich nur möglichst viele unterhaltende Spiele verkaufen, ein gutes Geschäft machen und keine Angriffsfläche bieten. Denn in Büchern, Filmen und auch in guten Computerspielen geht es ja oft um gesellschaftlich relevante Themen, um Liebe, Politik, Schweiß, Blut und Tränen. Und worum geht es denn normalerweise in Brettspielen? Wundert sich da wirklich jemand, dass sie oft kulturell nicht ernst genommen werden?

Ein berühmtes Zitat, das immer wieder George Orwell in den Mund gelegt wird, aber wohl bereits Jahrzehnte früher verbreitet war, geht so:
„Journalism is printing what someone else does not want printed. Everything else is public relations“.

Ich wiederhole mich: Als Spiele-Rezensent balanciert man ständig auf einem schmalen Grat zwischen journalistischer Arbeit und PR.

Der Positivismus, der in Spiele-Rezensionen von leidenschaftlichen Spielern manchmal verbreitet wird, wirkt auf mich eher peinlich. Im Spiele-Journalismus tummeln sich naturgemäß Menschen, die selber leidenschaftliche Spieler sind, mit ihrem Treiben die Spielkultur verbreiten und fördern wollen und ihr Tun schon fast als missionarisches Projekt verstehen, andere Menschen vom Wert des Spielens zu überzeugen. Es sind oft Menschen, denen deshalb die Distanz fehlt.

Distanz ist aber wichtig: Der Wunsch, irgendwie auch zur großen Familie in der coolen Spiele-Szene dazu gehören zu wollen, ist jedenfalls die falsche Motivation, um als Spieler damit zu beginnen, Rezensionen zu verfassen.

Manchmal gewinnt man den Eindruck, dass Rezensionen nur geschrieben werden, um das Hobby ihrer Verfasser zu finanzieren, die dadurch kostenlos Spiele bekommen. Es gibt Schreiber, die eine Kunstform daraus gemacht haben, in ihren Texten möglichst niemandem auf den Schlips zu treten. Das Bedürfnis nach Harmonie und Zuneigung ist zwar menschlich, für die Tätigkeit des Kritikers aber eine völlig falsche Voraussetzung. Wer Harmonie sucht, ist in dieser Tätigkeit eine Fehlbesetzung und sollte das Handwerk wechseln. Wer Zuneigung braucht, soll sich einen Hund kaufen!

Oft höre ich von Rezensenten, dass es in ihren Berichten eben darum gehe, den Konsumenten Empfehlungen abzugeben und es deshalb keinen Sinn mache, über schlechte Spiele zu schreiben. Mit Verrissen sei niemandem gedient. Ich halte das aufgrund meiner langjährigen Erfahrung und vielen Leserreaktionen für einen großen Irrtum. Ohne ehrliche Verrisse wird man sich nie ein glaubwürdiges Profil als Kritiker erarbeiten. Und zudem muss man die Leser im Dienste des Kulturguts Spiel auch vor schlechten Erlebnissen warnen. Aber wer ausschließlich empfehlenswerte Spiele beschreibt, wahrt natürlich den Frieden und beugt unangenehmen Reaktionen vor.

Beim Lesen von Spielerezensionen wünsche ich den Verfassern oft mehr Mut zur Ehrlichkeit. Man soll so über ein Spiel schreiben, wie man darüber in seinem eigenen privaten Freundeskreis erzählt. Ich kann aber natürlich übertrieben zurückhaltende Rezensenten verstehen, weil ich die Eigenheiten der Spieleszene selber regelmäßig zu spüren bekomme. In der Spielebranche herrscht im Vergleich zu anderen Branchen eine fast surreale Harmonie. Der Umgang miteinander ist ausgesprochen vertraulich, anständig und verständnisvoll. Redakteure von Konkurrenzverlagen tauschen sich regelmäßig aus. Autoren, die im wirtschaftlichen Wettstreit miteinander stehen, testen gemeinsam Spiele. Alle benehmen sich so, als ob sie zu einer einzigen großen Familie gehören. Das Konkurrenzdenken ist wenig ausgeprägt. Man hilft einander, was ja durchaus schöne und positive Effekte hat. Da wundert man sich dann aber natürlich auch nicht, dass viele Leute extrem empfindlich auf Kritik reagieren und sich sehr leicht persönlich angegriffen fühlen. Aber zum Glück kann man den Umgang mit Kritik trainieren. Und zur Genugtuung aller Kritisierten sei erwähnt, dass auf einzelne Mitglieder von „Spiel des Jahres“ vor und nach den Entscheidungen jeweils so viel Kritik eindrischt, wie sie ein Spieleautor in seinem ganzen Leben garantiert nie abbekommt.