Rezension

Der Herr der Ringe
von Reiner Knizia
Kooperatives Abenteuerspiel für 2-5 Spieler ab 10 Jahren
Kosmos

Bereits die Ankündigung, Reiner Knizia, einer der führenden Spielautoren, würde ein Spiel namens „Herr der Ringe“ entwickeln, hatte die Szene elektrisiert. Die Skeptiker waren gleich zur Stelle: „Lässt sich der Kampf der Hobbits gegen Sauron spielerisch umsetzen?“, fragten sie. Und sie prophezeiten im gleichen Atemzug, dass ein Spiel, und sollte es noch so gut sein, nie an das Vorbild, J.R.R. Tolkiens Trilogie „Der Herr der Ringe“, immerhin ein Stück Weltliteratur, heranreichen würde.

Nun liegt „Herr der Ringe“ als Spiel vor, ein Spiel, wie es selten auf den Markt kommt, mit üppiger Ausstattung und mehreren Spielplänen, phantasieanregender Gestaltung und einem Spielverlauf, der die Teilnehmenden vom Start im lieblichen Auenland bis zum Finale im schattendrohenden Mordor führt. Mit dem Grafiker John Howe ist dabei der wohl bekannteste Künstler zu J.R.R. Tolkiens Welt „Mittelerde“ verpflichtet worden. Reiner Knizia („Tadsch Mahal“, „Ra“, „Euphrat & Tigris“) hat sich für „Herr der Ringe“ ein einzigartiges kooperatives Spielsystem ausgedacht, bei dem alle gemeinsam gegen das Böse kämpfen. Durch das Aufdecken von Aktionskarten geraten die Spieler in vielerlei Herausforderungen und müssen immer wieder gemeinsam entscheiden, wie sie darauf reagieren. Jeder sammelt individuell Lebensplättchen, Abwehrschilde und Sonderkarten, mit denen Hindernisse überwunden und Gefahren abgewendet werden können, sowohl für sich selbst als auch für die Mitspieler. Egoistisches Verhalten schadet der Gruppe; ohne gegenseitiges Aushelfen endet das Abenteuer relativ schnell in der Katastrophe. Allerdings muss man sich auch um das eigene Wohl kümmern, damit die Gruppe nicht durch das vorzeitige Ausscheiden einzelner Mitglieder geschwächt wird.

Mit dem „Herrn der Ringe“ verleiht Reiner Knizia der Idee des kooperativen Spiels, das namentlich in Kreisen eingefleischter Spieler keinen guten Ruf besitzt, wertvolle neue Impulse. Vor allem demonstriert er, dass Spiele, in denen das Miteinander wichtiger ist als das Gegeneinander, nicht langweilig sein müssen. „Schaffen wir es? Oder werden wir von Sauron besiegt?“ Solche Fragen verursachen ein stetes Kribbeln und Mitfiebern, was immer den Beweis für eine hohe Qualität der Spielidee und ihrer Umsetzung darstellt.

„Der Herr der Ringe“ lebt nebst dieser Spannung wesentlich auch von der Stimmung, die Kenner der literarischen Vorlage durchaus als tolkienhaft empfinden. In den Rollen der Hobbits Frodo, Sam, Pippin, Merry und Dick müssen die Spielerinnen und Spieler beweisen, dass sie den Gefahren von Moria, Helms Klamm, Kankras Lauer und Mordor gewachsen sind. Aus dem Roman vertraute Gestalten tauchen auf, so Legolas, Gimli, der weise Zauberer Gandalf, Galadriel oder Gollum. Gerade die genaue Umsetzung der literarischen Vorlage begeistert die Tolkien-Fans über die spielerischen Qualitäten des Spiels hinaus. Jedes Ereignis, das im Spielablauf eintritt, ist einem entsprechenden Abschnitt des Buches zugeordnet. Wird diese Episode noch einmal ins Gedächtnis gebracht oder gar inszeniert, erlebt das Spiel eine Erweiterung in den Bereich Literatur und Erzählung. Die Verbindung von Roman und Spiel ist hier perfekt vollzogen.

„Der Herr der Ringe“ lebt: Der Kampf des Guten gegen das Böse fasziniert die Menschen immer wieder von neuem. Die große Leistung Reiner Knizias und des Verlags Kosmos besteht darin, dass sie mit ihrem Spiel neben dem Buch und dem im Dezember anlaufenden Film einen weiteren faszinierenden Zugang zu diesem gewaltigen Thema und damit neue Möglichkeiten zur Auseinandersetzung mit ihm eröffnen. Dafür zeichnet die Jury „Spiel des Jahres“ Autor und Verlag mit dem Sonderpreis „Literatur im Spiel“ aus.

Synes Ernst



Spielerische Umsetzungen von Büchern und Filmen fristen meist nur ein kurzes Leben hinter der Spieltheke. Die Film- und Buchadaptionen können ihren Vorlagen oft nicht das Wasser reichen, meist sind es nur lieblose Würfelorgien, bei denen die geliebten Akteure als Pappfiguren über den Spielplan laufen. Nichts anderes erwartet man, wenn man von dem Abenteuer des Kosmos-Verlages hört, die Tolkien-Trilogie "Der Herr der Ringe" als Spielabenteuer herauszubringen. Immerhin hat der Siedler-Verlag mit Reiner Knizia einen der angesehensten deutschen Autoren bewegen können, den abwechslungsreichen Buchinhalt zum Spiel zu machen. Immerhin ist es gelungen, den bekanntesten Tolkien-Illustrator John Howe für dieses Projekt zu gewinnen, so dass die üblichen Erwartungen zum Glück enttäuscht werden.

Das Buchthema des ewigen Kampfes der dunklen Mächte gegen das Gute in der Welt ist natürlich auch das Thema des Spiels. Die Spieler verkörpern das Gute, sie schlüpfen in die Rollen der Hobbits. Frodo & Co. stellen sich dem Kampf gegen Sauron, der mit Hilfe seines Ringes die Herrschaft über Mittelerde und das Auenland übernehmen will. Alle, für die diese Welten kein Buch mit sieben Siegeln bedeutet, werden angetan sein von der Authentizität, die ihnen Knizias Spiel bietet. Alle, die sich nur auf ein Spielabenteuer im Fantasybereich einlassen wollen, werden überrascht über die Friedfertigkeit des Spielablaufs sein. Nur durch gute Teamarbeit bewältigen die zwei bis fünf Hobbits ihre Abenteuer, startend in Beutelsend über Bruchtal, Moria bis zum Schicksalsberg Mordor. Aneinandergelegt bieten die vier Abenteuerspielpläne 300 cm optisches und spielerisches Vergnügen. Ob es die Hobbitsgruppe bis zum letzten Abenteuer in Mordor vordringen kann, bei dem letztlich der Ring zerstört werden muss, hängt weitgehend vom guten Zusammenspiel der Spieler ab. Allein kommt keiner durch, nur durch sinnvolle Kooperation, nur durch optimierte Nutzung aller persönlichen Eigenschaften und Ausstattungen, können die Spieler das Spiel gegen Sauron gewinnen. Die Gattung der kooperativen Spiele schien ausgestorben zu sein, Reiner Knizia hat sie mit "Der Herr der Ringe" auf erfrischende Weise neu belebt. Wer nicht das Gegeneinander im Spiel sucht, findet in diesem Spiel ein anspruchsvolles und optisch wunderschön umgesetztes Fantasy-Abenteuer, das sehr nah an Tolkiens Welt bleibt.

Wenn 2001 der neue dreiteilige Film in die Kinos kommt, das Buch in verbesserter Übersetzung vorliegen wird, ist das Feld spielerisch schon auf hohem Niveau vorbereitet.

(Wieland Herold, Alfelder Zeitung)