Bosworth

Wenn man so wie ich in diesem Jahr nicht schon von Beginn an die Spiel in Essen besuchen kann, dann hat das einen großen Vorteil: Man bekommt nach dem Eintreffen von allen, denen man begegnet, sofort die ersten Geheimtips mitgeteilt, die man sich unbedingt ansehen müsse. In diesem Jahr waren das "Keydom", das ich mir aber bereits im Vorfeld der Messe besorgt hatte und das war gut so, denn am Donnerstag Abend waren die 200 Exemplare, die Richard Breese dabei hatte, bereits restlos weg und "Bosworth", das mir als Schachspiel mit Karten beschrieben wurde.
Nun mag ich ja Schach nicht unbedingt, wahrscheinlich deshalb, weil meine Fähigkeiten mit dem Wollen bei weitem nicht mithalten können und deshalb bin ich auch bei Schachvarianten eher vorsichtig. Da aber der Stand von "Out of the Box", wo das Spiel erschienen ist, gleich neben dem Deutschen Spiele Archiv war, bei dem ich wie schon in den letzten Jahren wieder mein Basislager aufschlagen durfte, führte mich mein erster Weg dorthin.

Zunächst schaute ich ein wenig zu und war überrascht, daß tatsächlich weder eine Schachfigur, noch ein Schachbrett zu sehen waren. Vielmehr lag da ein 4x4 Felder großer Spielplan, auf dem sich Karten tummelten, mit denen, je nachdem welche Schachfigur sie darstellten, entsprechend gezogen und geschlagen wurde. Wen wundert es da noch, daß bis zu 4 Spieler an diesem Treiben teilnehmen können.

Jeder verfügt über einen Satz von Karten, die die 16 Figuren, mit denen man eine Schachpartie bestreitet, darstellen. Vier Bauern sucht man heraus und stellt sie auf seine Grundlinie. Die restlichen 12 Karten mischt jeder und nimmt sich 4 davon auf die Hand. Sie stellen seinen Nachschub dar.

Wer am Zug ist, bewegt eine seiner Figuuren entsprechend den Schachregeln, schlägt dabei eine gegnerische, soferne dies möglich ist und füllt dann eventuelle Lücken in seiner Grundreihe mit Handkarten wieder auf. Mit dem Ergänzen der Handkarten endet dann sein Zug.

Wie schon erwähnt ziehen die Figuren wie im Schach. Einzig der Bauer wurde etwas mobiler, denn er darf nicht nur vorwärts, sondern 1 Feld vertikal oder horizontal ziehen und geschlagen wird wie im Original diagonal, allerdings in jede der 4 möglichen Richtungen.

Wird der König eines Spielers gemeuchelt, werden seine Figuren, also seine Karten entfernt und der Königsmörder erhält die fremde Königin. Es ist das übrigens die einzige Möglichkeit, Figuren nachzubekommen, denn eine Promotion des Bauern, wenn er die gegnerische Grundlinie erreicht, gibt es hier nicht. Das stört aber kaum, denn durch die größere Bewegungsfreiheit und die erweiterten Schlagmöglichkeiten hat der Bauer ohnehin gewaltig an Stärke gewonnen.

In Gegenzug dazu sind die Langschrittler - Dame, Turm und Läufer - um einiges schwächer geworden. Zum einen, weil das Feld auf ein Viertel reduziert wurde und sie daher ihre Fernwirkung nicht so entfalten können, zum anderen, weil sie, vor allem durch die Möglichkeit der Bauern, in jeder Diagonalrichtung schlagen zu können, sehr schnell ohne ein sicheres Feld dastehen und gefressen werden.

So kommt es also zu einer Neubewertung der Stärken und Schwächen der Figuren und die üblichen Taktiken und Strategien des Schachs lassen sich bei "Bosworth" kaum anwenden.

Fast muß man es bedauern, daß "Bosworth" seine Wurzeln im Schach hat, denn das wird wohl für viele eine Hemmschwelle sein, sich mit dem Spiel näher auseinanderzusetzen. Dabei entsteht aber kaum die für Schach typische Tüftelatmosphäre, vor allem dann nicht, wenn mehr als zwei Spieler beteiligt sind und gerade diese Partien machen den größten Spaß.

Das intensive Grübeln lohnt sich deshalb nicht, weil man nie genau weiß, welche Figuren die Gegner als nächstes aus ihrem Köcher zaubern werden. Nur eines ist ziemlich sicher: Der König wird als Letzter die Arena betreten. Daher sollte man auch versuchen, die Felder der eigenen Grundlinie besetzt zu halten, denn so lange der König nicht im Spiel ist, kann man auch nicht verlieren.

Wollte man "Bosworth" noch verbessern, dann könnte man ein wenig am Design des Spielmaterials feilen. Da ist zunächst der 4x4 Felder große Spielplan, der aber nicht quadratisch ist, da die Größe der Felder jener der Spielkarten entspricht und diese sind rechteckig. Probleme gibt es deshalb immer wieder bei Bedrohungen über die Diagonalen, die einfach übersehen werden.

Und wenn man dann schon dabei ist, sollte man auch darüber nachdenken, ob man statt der Spielkarten nicht lieber etwas dickere Kartonplättchen nimmt, da diese viel leicher zu handhaben wären.

Aber auch ohne diese Verbesserungen ist "Bosworth" in gelungenes Spiel, das, wie der Name des Verlags "Out of the Box" es ja bereits andeutet, ohne große Umschweife gespielt werden kann, soferne man weiß, wie die Schachfiguren ziehen - und das ist ja beinahe jedem bekannt.

Und wenn Ihnen "Bosworth" langsam zu fad wird, dann sollten Sie einmal auf der Homepage von "Out of the Box" vorbeischauen, http://www.otb-games.com, wo der Autor Mark Allan Osterhaus seit kurzem einige Varianten anbietet.

(Helmut J. Wresnik)