Rezension

„Carcassonne“
 
von Klaus-Jürgen Wrede
Taktisches Legespiel in der Welt des Mittelalters
für 2 – 5 Spieler ab 10 Jahren
Hans im Glück, Birnauerstr. 15, 80809 München

„Carcassone“? Warum muss ein Spiel einen derart fremdartigen Namen tragen, fragten sich nicht wenige, als der Münchner Hans im Glück Verlag im Herbst 2000 seine Neuheit präsentierte. Das Rätsel war bald gelöst: Die grandiosen mittelalterlichen Befestigungsanlagen der südfranzösischen Stadt Carcassonne hatten den Kölner Musik- und Religionslehrer Klaus-Jürgen Wrede auf einer Urlaubsreise derart fasziniert, dass er das Erlebnis in ein Spiel umsetzen wollte. Es liegt auf der Hand, dass dieses nun den Namen des „Geburtsortes“ trägt. Dass die Stadt Carcassonne heute noch für den Kampf der Katharer gegen den in Frankreich mächtigen Katholizismus steht, ist im Spiel von untergeordneter Bedeutung.

„Carcassone“ ist ein lupenreines taktisches Legespiel, bei dem eine Landschaft mit Städten, Klöstern, Wiesen und Strassen gebaut wird. Jedesmal - und das ist einer der Reize dieses Spiels - präsentiert sich das Ergebnis anders: Einmal stehen die Städte dicht nebeneinander, einmal liegen sie eher am Rande des Feldes, einmal gibt es wenige große Städte, ein andermal wiederum ziehen es die Spieler vor, eine Reihe von Kleinstädten zu errichten. Ähnlich das Strassennetz, einmal mit vielen Kreuzungen, dann wieder mit eher langen Strassenzügen. Das heisst indirekt auch, dass „Carcassonne“ je nach den taktischen Überlegungen der Mitspielerinnen und Mitspieler einen anderen Verlauf nimmt. Das verleiht dem Spiel einen ausgesprochen hohen Wiederholungsreiz. Dabei ist es gerade eine besondere Stärke von „Carcassonne“, dass die Zahl der beteiligten Personen keine Rolle spielt.

Wer an der Reihe ist, muss verdeckt eine der 72 Landschaftskarten ziehen und sie den Regeln entsprechend anlegen (Stadt an Stadt, Wiese an Wiese, Strasse an Strasse). Anschliessend kann man einen seiner sechs Gefolgsleute auf die eben gelegte Landschaftskarte platzieren, sei es als Ritter in die Stadt, als Wegelagerer auf die Strasse, als Mönch ins Kloster oder als Bauer auf die Wiese. Sobald eine Stadt, Strasse oder ein Kloster fertig gebaut ist, wird gewertet.

In „Carcassonne“ geht es darum, möglichst viele Punkte zu erreichen. Auf dieses Spielziel richtet man denn auch seine Taktik aus, was wiederum zur Folge hat, dass man einander ganz tüchtig ins Gehege kommt. Besonders sorgfältig planen muss man den Einsatz der Bauern. Sie werden erst am Schluss abgerechnet, bringen aber die spielentscheidenden Punkte ein, sofern man sie richtig gesetzt hat.

„Carcassonne“, von Doris Matthäus liebevoll grafisch gestaltet, entwickelt sich wie alle Legespiele langsam. Doch schon beim erstmaligen Spielen offenbart sich eine ausserordentliche Tiefe mit einer Unzahl von taktischen Möglichkeiten, die sich den Spielenden auftun. Geradezu bewundernswert ist die Einfachheit der Regeln. Auf fast geniale Art und Weise, geradlinig und schnörkellos, ist es Klaus-Jürgen Wrede gelungen, ein anspruchsvolles Spiel für ein breites Publikum zu schaffen. Was den Reiz von „Carcassonne“ ausmache, wird in Rezensionen immer wieder gefragt. Es gibt nur eine Antwort: Spielen und selber in Erfahrung bringen!

Synes Ernst