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Ebbe & Flut
Ist das Legen von Patiencen ein Spiel? Eingefleischte Spieler rümpfen die Nase und meinen: "Eine Angelegenheit für ältere Damen, die mit ihrer Zeit nichts Besseres anzufangen wissen." Bei ihrer Einschätzung können sie sogar auf den Fachmann Helmut Glonnegger stützen, der in seinem Standardwerk "Das Spiele?Buch" das in den Salons der feinen Pariser Gesellschaft des 17. und 18. Jahrhunderts entstandene Freizeitvergnügen mit keinem Wort erwähnt.
Das ist wohl falsch. Wer Patiencen legt, verfolgt damit das gleiche Ziel wie jemand, der "Monopoly" oder "Siedler von Catan" spielt: Er sucht Unterhaltung, indem er sich allein oder gemeinsam mit anderen mit den Regeln und den Möglichkeiten auseinandersetzt, die die eigene Welt des Spiels konstituieren.
Wer sich in der reizvollen Welt der Patiencen ein wenig auskennt, weiss, was in ihnen steckt. Sie haben jedoch ein Imageproblem, weil das Vorurteil nicht zu beseitigen ist, sie seien langweilig. Falsch. Es handelt sich vielmehr um langsame Spiele, bei denen sich erst im Verlauf des Spiels auf dem Tisch ein Bild entwickelt.
An die Tradition der Patiencen knüpft das neue Zweierspiel "Ebbe & Flut" von Wolfgang Werner an. Sein Thema ist das ewige Wechselspiel der Gezeiten. Ein ungewöhnliches Umfeld: Vorgänge in der Natur werden im Unterschied zu menschlichen Handlungen sehr selten in Spiele umgesetzt. Weil "Ebbe & Flut" sich in dieser Hinsicht von anderen Spielen unterscheidet, ist ihm besondere Aufmerksamkeit sicher.
Der Ablauf von "Ebbe & Flut" ist einfach und leicht erlernbar, auch wenn die Spielanleitung höchstens als suboptimal bezeichnet werden kann. Jeder der beiden Spieler versucht, seine 25 Karten durch geschicktes Legen und Ziehen möglichst rasch durch ein von zwei Kartenreihen begrenztes Stück zu bringen. Die Karten sind von A1 bis E5 nummeriert (je fünf Karten pro Buchstabe). In der gleichen Reihe (senkrecht und waagrecht) dürfen der gleiche Buchstabe und die gleiche Zahl nur einmal vorkommen. Mehr ist nicht zu beachten.
Die Qualität von "Ebbe & Flut" zeigt sich darin, dass es trotz eines einfachen Regelbestands eine Vielzahl von Entscheidungsmöglichkeiten bietet. Wie bei allen Spielen aus dem Adlung?Verlag kommt auch hier hinzu, dass dafür nicht mehr als 60 Karten nötig sind: Das Verhältnis von Preis und Leistung ist optimal.
(Synes Ernst, Weltwoche) "Ebbe & Flut" von Wolfgang Werner, Adlung-Spiele, für zwei Spieler ab 10 Jahren.
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