Fünf Denkspiele

Pures Denkvergnügen
Es ist immer wieder faszinierend zu erleben, wie sich mit einem Minimum an Regelwerk ein Maximum an Unterhaltungswert erzielen läßt. Jedenfalls, sofern man einen Faible für abstrakte Denkspiele besitzt und einen gleichgesinnten Spielpartner kennt. Dann aber stehen einem aktuell gleich fünf Titel zur Auswahl, die obendrein auch optisch zu gefallen wissen. Bemerkenswert allerdings, daß lediglich einer dieser intellektuellen Leckerbissen eine deutsche Eigenproduktion ist.

"Avalam Bitaka" von Philippe Deweys kommt aus Belgien und wird bei uns von Piatnik vertrieben. Es ist im Vorjahr auf dem 10. Internationalen Festival des Spiels in Cannes mit dem As d'or in der Kategorie der Strategiespiele ausgezeichnet worden, was schon einiges über seine Qualitäten sagt.
Die beiden Spieler verfügen über je 24 Spielsteine, die in gleichmäßigem Abstand so auf die Löcher des massiven Spielbretts verteilt werden, daß lediglich in der Mitte ein Loch frei bleibt. Dabei verhindert das asymmetrische Lochmuster von vornherein, daß es zu Spiegelzügen kommt, die jede Partie auf ein Unentschieden zusteuern ließen. Spielziel ist es, möglichst viele Türme mit einem Steine der eigenen Farbe darauf zu bilden. Dazu dürfen die Steine oder Türme nur jeweils ein Feld weit orthogonal oder diagonal gezogen werden, und dies auch nur dann, wenn sie dabei auf einem anderen Stein oder Turm zu stehen kommen. Leere Felder können also nicht überwunden werden.
Pfiff bekommt die Sache nun dadurch, daß man nicht nur die eigenen, sondern auch die Steine des Gegners setzen darf und daß die Türme auf höchstens fünf Steine anwachsen dürfen. Diese originellen Rahmenbedingungen zwingen dazu, bei jedem Zug äußerste Umsicht walten zu lassen. Schon nach wenigen Partien wird erkennbar, daß es unter dem Aspekt des Materialverbrauchs effizienter ist, gegnerische Steine zu stapeln als mit eigenen aufzuspringen. Beliebt ist auch das Isolieren eigener Steine, um ohne großen Materialaufwand Punkte machen zu können.
Erfahrene Spieler, die meinen, alle Möglichkeiten der Standardaufstellung ausgeschöpft zu haben, können sich durch eine Variante reichlich neues Denkfutter verschaffen, indem sie die Steine zu Beginn in beliebiger Anordnung auf dem Spielbrett verteilen. Auf diese Weise öffnet sich ein weites Feld für zusätzliche taktische Winkelzüge, und bleibt der Reiz des Spiels dauerhaft erhalten.

(Jochen Corts)


Daß "Quoridor" von Mirco Marchesi es nicht geschafft hat, beim diesjährigen Wettbewerb in Cannes in die Fußstapfen von "Avalam Bitaka" zu treten, dürfte angesichts seines hohen Spielwerts wohl eher Geschmacksfrage denn Beleg für mangelnde Qualität gewesen sein. Es wird von der französischen Firma Gigamic produziert, die vor vier Jahren mit dem Geniestreich "Quarto" angetreten war und seitdem eine ganze Reihe auch materialmäßig hochwertiger Denkspiele vorgelegt hat. Den Vertrieb für Deutschland hat sich bislang die Ravensburger Tochter F.X. Schmid sichern können.
"Quoridor" stellt die Spieler vor eine reizvolle topologische Aufgabe. Es geht schlicht darum, mit der eigenen Spielfigur als erster die gegenüberliegende Grundlinie zu erreichen. Statt ein Feld vorzurücken, darf auch ein Hindernis von der Breite zweier Felder plaziert werden. Verboten ist dabei lediglich, eine Figur vollständig einzumauern.
Was so einfach klingt, verlangt doch viel Überblick und eine gehörige Portion Raffinesse. Denn wer nicht höllisch aufpaßt, läuft schnell Gefahr, sich selbst in eine Sackgasse zu manövrieren und nur auf einem zeitraubenden Umweg wieder herauszukommen. Wichtig ist es auch, mit den Hindernissen hauszuhalten und diese auch defensiv einzusetzen, um sich an bestimmten Stellen einen Durchgang zu sichern.
So herausfordernd eine Partie für zwei Spieler ist, so unbefriedigend kann sie bei vier Teilnehmern verlaufen. Dann kann es nämlich leicht passieren, daß ein Spieler, der selbst keine Siegchance mehr hat, zum Königsmacher wird, je nachdem, wo er sein letztes Hindernis errichtet. Einer nachdrücklichen Empfehlung als 2-Personen-Taktikspiel steht dies jedoch nicht im mindesten entgegen.

(Jochen Corts)


Ebenfalls aus dem Hause Gigamic kommt "Quads" nach einer Idee von Kris Burm. Entgegen der Angabe auf der Kartonrückseite allerdings ausnahmsweise nicht im Vertrieb von F.X. Schmid, sondern für Endverbraucher wie auch Wiederverkäufer bei Das Spiel, Hamburg, erhältlich. Erklären dürfte sich dieser Ausreißer wohl allein daraus, daß "Quads" im Gegensatz zu den vier anderen Titeln der Serie nicht aus Holz gearbeitet ist, sondern ganz aus Plastik besteht, andernfalls es auch nicht zu einem vertretbaren Preis hätte hergestellt werden können.
Das Spielmaterial besteht aus 36 quadratischen Plättchen, deren Oberfläche die unterschiedlichsten Muster aufweist, so daß kein Teil dem anderen gleicht. Außer zwei neutralen Plättchen, die zu Beginn beliebig ausgelegt werden, gibt es je 17 Plättchen mit weißen und schwarzen Segmenten. Für das weitere Anlegen bedeutsam ist auch die Riffelung auf den freien Flächen. Angelegt werden dürfen nämlich nur gleichfarbige Seiten oder gleichgerichtete Riffelungen. Wer als erster nicht mehr anlegen kann, verliert. Sobald man mit den Möglichkeiten und Risiken vertraut ist, kann man als weiteres Handikap noch den Rand einbeziehen, der ebenfalls eine Riffelung aufweist. Die noch nicht ausgespielten Plättchen verdeckt zu halten, was die Anleitung als weitere Variante vorschlägt, bringt indessen nichts. Anhand der Zusammensetzung des eigenen Bestands und der vom Gegner bereits ausgespielten Plättchen läßt sich unschwer ermitteln, welche dieser noch in Reserve halten muß.
Trotz oder vielleicht auch gerade wegen seiner Statik erreicht "Quads" einen erstaunlichen Tiefgang, insoweit dem japanischen "Go" nicht unähnlich. Auch wenn die Setzmöglichkeiten naturgemäß deutlich geringer sind, läßt sich im nachhinein kaum einmal mit Sicherheit feststellen, an welcher Stelle eine Partie unabwendbar verloren gegangen ist.

(Jochen Corts)


Alte Spiele und insbesondere die Klassiker unter ihnen haben so ihre Schicksale. Ganz besonders merkwürdig erging es dem Spiel "Reversi". Es wurde nämlich nicht nur einmal, sondern gleich mehrere Male erfunden. Zum ersten Mal erfunden wurde es nicht etwa im alten China, wie uns der Klappentext der neuesten Version "Rolit" weismachen will. Es entstand vielmehr in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts in England und löste dort umgehend den ersten mir bekannten großen Streit zwischen zwei Spiele-Autoren aus.

John W.Mollet bezichtigte seinen Landsmann Lewis Waterman des Plagiats. Sein "Game of Annexation" habe nur den Spielplan verändert, die Spielidee mit den drehbaren zweifarbigen Damesteinen sein nun einmal von ihm als Erstem veröffentlich worden. Die Auseinandersetzung machte jedenfalls das Spiel berühmt. Auch in Deutschland wurde es von dem Ravensburger Otto Maier Verlag immer wieder neu aufgelegt.

Beinahe hundert Jahr nach den ersten Erfindungen brachte ein pfiffiger Japaner das Spiel wiederum "ganz neu" auf den Markt und nannte es "Othello". Auch hier wurden die eingeschlossenen Steine eines Spielers umgedreht und auf diesem Weg zu Steinen der Farbe seines Gegenspielers. Die einzige Neuerung, die er einführte, lief darauf hinaus, daß man nicht nur eine Reihe umdrehen durfte, sondern auch gleichzeitig zwei oder drei, wenn sich die Möglichkeit dazu bot.

In Holland setzte man (der Autor ist leider auf dem Spiel nicht angegeben) wiederum zwanzig Jahre noch eins drauf und entwickelte eine Version für bis zu vier Spielern. Die Idee war in den 30er Jahren schon einmal in einem Spielhandbuch veröffentlicht, hier wurde sie nun zum ersten Mal auch in durchaus spielbarer Gestaltung angeboten.

64 kleine Plastikkugeln weisen jeweils vier verschiedene Farben auf. Im Spiel werden sie nacheinander in die kleinen Kuhlen des 8x8-Spielfeldes eingebracht. Dort können sie anschließend bei Bedarf leicht zu jeder Farbe hin gedreht werden. Das ist absolut gut gelöst, insgesamt lädt die gelungene Gestaltung zum Spielen ein. Hier hat der holländische Hersteller Goliath sehr viel Mühe aufgewandt.

Beim Einschließen und Umdrehen lehnt sich "Rolit" nicht etwa an das angeblich fernöstliche Version, sondern an das westliche Reversi-Vorbild an: umgedreht werden dürfen nur die Steine in einer Richtung. Da muß man sich schon entscheiden, welche die günstigere ist.

Zu Zweit spielt man nach der allgemeinen Taktik: entscheidend sind zunächst die Machverhältnisse in der Mitte, dann aber gewinnen zunehmend die Ränder und Ecken an Bedeutung. Wer sich hier gut etablieren kann, hat schon die halbe Miete zum Gewinn des Spiels eingefahren.

Das gilt alles auch für das Spiel zu Dritt und zu Viert. Nur verändert die größere Zahl der Spieler den Charakter des Spiels. Das Geschehen auf dem Spielbrett wird jetzt umgehend nicht mehr nur von der Taktik, sondern weit mehr vom Zufall bestimmt. Viele Köche verändern also auch hier den Brei. Der wird dadurch aber nicht etwa ungenießbar, sondern eher amüsanter und aufregender.

(Bernward Thole)


Nichts ist wirklich neu. Alles schon einmal dagewesen. Stimmt!

Am Beispiel des 'neuen' Gesellschaftsspiels ROLIT läßt sich das ausgesprochen gut beobachten und doch haben wir es hier durchaus mit einem neuen Spiel zu tun. Ein unbekannter Spieleautor soll dazu irgendwann gesagt haben: "Spiele erfinden ist wie kochen. Die Zutaten sind immer dieselben und trotzdem schmeckt jedes Menü doch anders." Die Zutaten zu ROLIT hat sich der Hersteller des Spiels wohl bei dem guten alten REVERSI entliehen, geht es doch in diesem abstrakten Brettspiel darum, durch das Einschließen gegnerischer Spielsteine Gebiete auf dem Spielfeld zu 'erobern' um am Ende, wenn alle Felder belegt sind, die meisten davon mit der eigenen Farbe zu besitzen.

Das Neue an ROLIT ist die Erweiterung des Spiels auf drei und vier Spieler. Die Spielfläche ist eine Kunststoffplatte mit 49 (7 x 7) runden Vertiefungen, in die farbige Kugeln gelegt werden. Das Besondere daran ist, daß diese Kugeln aus vier Farbflächen bestehen, wobei eine Kugel immer gerade die Farbe hat, welche oben sichtbar ist. Während bei REVERSI durch die Zweifarbigkeit der Spielplättchen eine Spielerbegrenzung auf zwei Spieler naturgegeben ist, bietet ROLIT den unbestrittenen Spielspaß des bekannten Klassikers aufgrund der neuartigen Umsetzung für vier Spieler. ROLIT ist ein wunderbares Denkspiel, das bestimmt wird von Übersicht, Planung und gut überlegten Zügen. Es erfordert aber im Drei- oder Vierpersonenspiel doch andere Überlegungen als bei dem Klassiker REVERSI, denn bis eine Runde vorbei und man wieder am Zuge ist, kann viel mehr passieren, als man das bei aller Überlegung vorhersehen kann. Insofern ist diese Vierpersonenvariante erheblich dynamischer und somit auch etwas unberechenbarer. Trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, ist ROLIT ein sehr überzeugendes Spiel, das durchweg positive Reaktionen hervorruft. Und obendrein ist das Material, wenngleich ausschließlich Kunststoff, sehr ansprechend und dekorativ gestaltet.

(Andreas Mutschke)


Ganz aus Hartplastik in hervorragender Verarbeitung präsentiert sich auch "Rolit", das allerdings, wie sich noch zeigen wird, aus gutem Grund ohne Autorenangabe auskommen muß. Produziert wird es in den Niederlanden, den Vertrieb hierzulande besorgt wiederum Piatnik. Das Spielbrett weist 8 x 8 Vertiefungen auf, die nach und nach mit kugelartigen Gebilden bestückt werden. Diese Gebilde bestehen aus vier Segmenten verschiedener Farbe und lassen mittels leichten Fingerdrucks die gewünschte Farbe oben sichtbar werden. Die Version für zwei Teilnehmer entpuppt sich schnell als lupenreines "Reversi". Ein wunderschönes Positionsspiel, das in der 2. Hälfte des vorigen Jahrhunderts in England entwickelt worden war, erstmals 1907 in Deutschland auf den Markt kam und sich seitdem bis zum heutigen Tag bei den Ravensburgern im Programm gehalten hat. Inzwischen gibt es sogar einige recht spielstarke Computer dazu. Der weiterführende Beitrag von "Rolit" besteht darin, daß sich jetzt auch drei oder vier Spieler zugleich messen können. Dabei brauchte an den Originalregeln so gut wie nichts geändert zu werden. Neue Kugeln dürfen deshalb nur neben bereits ausliegenden plaziert werden, und zwar dergestalt, daß eine oder mehrere gegnerische Kugeln in gerader Linie von zwei eigenen eingeschlossen werden, um sie sodann farblich umpolen zu dürfen. Auf diese Weise kann es passieren, daß eine Kugel im Laufe der Partie mehrmals die Farbe wechselt, bis alle 64 Vertiefungen besetzt sind und der farblich am stärksten vertretene Teilnehmer als Sieger feststeht.
Es konnte nicht überraschen, daß sich durch die Erweiterung der Teilnehmerzahl der Charakter des Spiels etwas verändert hat, indem sich eine Verschiebung der Vorgehensweise von der strategischen zur taktischen Ebene hin einstellt. Was dem Spielvergnügen und der Spannung jedoch glücklicherweise keinen Abbruch tut.
Dafür, daß auch ein Spieler, dessen Farbe gelegentlich einmal völlig vom Spielbrett getilgt worden ist, gleichwohl noch eine Siegchance behält, sorgt die Befugnis, an beliebiger Stelle neben einer anderen Kugel wieder ins Spiel zurückzukehren. Was nicht selten zur Eroberung eines verhältnismäßig sicheren Randfeldes führt, von dem aus sich ganze Reihen wieder kippen lassen. Damit hat "Rolit" nun doch zumindest ein kleines, spieltechnisch sogar recht bedeutsames Stückchen Originalität vorzuweisen. Denn die Idee, die Teilnehmerzahl mit Hilfe von Farbwürfeln sogar auf bis zu sechs zu vergrößern, war bereits vor der Jahrhundertwende einem Dr. Oskar Schneider aus Leipzig gekommen, der sie auch eine Zeitlang vermarktet hat. Nur, daß eliminierte Farben damals endgültig aus dem Spiel waren, was gerade zu Beginn einer Partie ziemlich unbefriedigend sein konnte.

(Jochen Corts)


Bleibt noch "Top it" von Bernhard Schnatz, der einzige deutsche Vertreter aus dem Verlag Simba Toys unter dem Label Goldsieber Spiele, das innerhalb von nur drei Jahren ein markantes Profil gewonnen hat. Wie "Quods" gehört "Top it" zu den Legespielen. Anders als dieses kennt es jedoch keine räumliche Begrenzung, sondern wuchert in beliebiger Form und Richtung über die Spielfläche, einzig daran orientiert, was den Spielern am meisten Punkte bringt.
Jeder Teilnehmer verfügt über einen Satz von acht Mosaikteilen verschiedener Form, Größe und Wertigkeit. Für das Anlegen ist lediglich zu beachten, daß sich die Seitenlängen entsprechen. Bei mehr als zwei Teilnehmern dürfen außerdem gleichfarbige Teile nicht aneinander gelegt werden. Der Spieler bekommt jeweils die Punkte des von ihm gerade gelegten Teils und sämtlicher angrenzenden Teile gutgeschrieben. Einmal pro Spiel kann zudem getoppt werden. Dazu legt man seinen Top it-Stein auf ein fremdes Mosaikteil, das auf diese Weise noch einmal gewertet wird und aufgrund der inzwischen dazugekommenen neuen Teile reichlich Zusatzpunkte bringt. Beim Spiel zu zweit ist es gestattet, auch ein Teil der eigenen Farbe zu toppen.
"Top it" hat sich in jeder Besetzung bestens bewährt und zu spannenden Kopf-an-Kopf-Rennen bei der Punktwertung geführt. Es läßt sich auch als Solitär spielen bei dem Versuch, mit sämtlichen Moaikteilen aller vier Farben einen Rekord aufzustellen. Als spielerisches Fallbeispiel ist es sogar bereits in ein modernes Lehrbuch für Mathematik aufgenommen worden.
Bei einer abschließenden Betrachtung fällt auf, daß vier der hier vorgestellten Spiele eine rein topologische Aufgabenstellung aufweisen. Und selbst bei "Avalam Bitaka" geht es nicht darum, gegnerische Steine aus dem Feld zu schlagen, sondern bloß um ihre Neutralisierung. Vielleicht sind solche weniger aggressiven, mehr auf Eleganz der Lösung setzenden Spielabläufe ja geeignet, leider immer noch verbreitete Vorbehalte gegenüber abstrakten Denkspielen abbauen zu helfen. Schön wär's jedenfalls.

(Jochen Corts)