Halunken & Spelunken

Im 18. Jahrhundert beherrschte England die Weltmeere. Gute Matrosen waren Mangelware, so daß oft manch zwielichtige Gestalten angeheuert wurden. Thematisch sind wir damit schon mitten im neuen Kosmos-Familienspiel HALUNKEN UND SPELUNKEN, in dem zwei bis vier Kapitäne möglichst gute Schiffsmannschaften in den Spelunken einer anrüchigen Hafengegend anwerben müssen. 14 Kneipen, die kreisförmig auf dem Spielplan um ein Hafenbecken angeordnet sind, gilt es, nach geeigneten Matrosen abzusuchen.
Besonders reizvoll ist dieses Spiels von Alex Randolph durch seinen Bewegungsmechanismus. Hier wird nicht gewürfelt, sondern jeder Spieler darf seine Zugweite über acht Bewegungskarten festlegen. Mit diesen Karten lassen sich gezielt Spelunken ansteuern, um eine möglichst hochwertige Matrosenkarte zu ergattern. Vorwärts bewegen dürfen sich die Spieler aber nur dann, wenn kein Mitspieler die gleiche Karte gewählt hat. Genaue Beobachtung der Spielsituation, Einschätzung von Mitspielerreaktionen sind hier gefragt und machen einen großen Teil der Spielspannung aus. Eine besondere Rolle spielt die "Black Jack-Figur", die in jeder Spielrunde ersteigert werden kann und unter anderem dazu dient, Mitspielern Matrosenkarten zu rauben.

Sind die acht Bewegungskarten gespielt, ist ein Spiel nach etwa zwanzig Minuten beendet. Der Spieler mit der wertvollsten Mannschaft gewinnt die Spielrunde. HALUNKEN UND SPELUNKEN ist damit ein sehr schnelles, durchaus vielschichtiges Familienspiel mit hohem Wiederspielwert, an dem sich Kinder ab acht Jahren schon problemlos beteiligen können. Das richtige Brettspiel für die Advents- und Weihnachtszeit, bei schummrigem Licht zu spielen, mit einem kräftigen Grog oder Kinderpunsch, damit man zünftig auf den Sieger anstoßen kann.

(Wieland Herold)


Wie viele andere Spieler wurde auch ich zunächst an "Heimlich & Co" erinnert, als ich den Spielplan von Alex Randolph's neuester Kreation "Halunken & Spelunken" in Essen sah. Doch damit hat das Spiel genauso wenig zu tun wie mit "Corona", einem Klassiker des Meisters, der mir als nächstes in den Sinn kam. Denn während letzteres ein faszinierendes Denkspiel ist, richtet sich "Halunken & Spelunken" vor allem an Familien.

Neben dem sehr stimmungsvollen Spielplan findet man noch fünf Spielfiguren, einen Pack voll kleinen Spielkarten und natürlich eine Spielregel. Dieser entnimmt man auch gleich, daß man die Spielkarten in die Bewegungs- und die Halunkenkarten zu sortieren hat. Jedem der zwei bis vier Mitspieler wird dann ein Satz von Bewegungskarten gegeben; sie zeigen die Werte von 1 bis 7 und "Rum" – eine Art von Joker – und dienen dazu, die gleichfarbige Spielfigur auf dem Spielplan von Spelunke zu Spelunke zu bewegen.

Bevor man aber dort nach Matrosen für seine nächste Reise Ausschau hält, muß man die Halunkenkarten noch gleichmäßig auf die 14 Spelunken verteilen und zwar verdeckt. Ist das geschehen, so wählt jeder Spieler einen Startspelunke, stellt seine Spielfigur dort auf und nimmt sich gleich die oberste dort liegende Spelunkenkarte. Anschließend wird nun bei allen 14 Halunkenstapeln die oberste Karte umgedreht.

Bevor man endlich beginnt, sollte man Neulingen noch kurz verraten, daß es gilt, die meisten Halunken für sich zu gewinnen. Jede Karte zeigt einen Wert zwischen 1 und 15 und besitzt eine bestimmte Farbe. Natürlich werden die Werte der Karten am Ende zusammengezählt, aber dabei berücksichtigt man die Zahlen jener Kartenfarbe, von der man am meisten gesammelt hat, zweimal, verdoppelt diese Teilsumme also. Und wen es interessiert, dem erzählt man noch, daß nicht jede Farbe gleich oft vorhanden ist und die höheren Zahlen nur bei den selteneren Farben auftreten.

Nun aber kann es losgehen. Gleichzeitig wählen alle Spieler eine ihrer Bewegungskarten aus und decken dann gemeinsam auf. Wurden gleiche Zahlen gewählt, so verfällt die Bewegung und die entsprechenden Figuren bleiben stehen. Sie dürfen aber die offen liegende Halunkenkarte, soferne in dieser Spelunke noch eine vorhanden ist, nehmen.

Hat jemand als einziger die "Rum"-Karte gewählt, so nennt er nun eine Bewegungszahl, allerdings nur eine, die nicht bereits ein anderer Spieler gewählt hat. Und dann wird gezogen, beginnend mit der kleinsten Zahl. Aus der Spelunke, die man erreicht, nimmt man, soweit vorhanden, die oberste Halunkenkarte und, falls dort eine noch andere Spielfigur steht, auch eine Karte aus deren Sammlung, soferne man nicht bereits selbst mehr Halunken angeheuert hat. Die Spielfigur wird anschließend auf das nächste freie Spelunkenfeld vorgerückt, nicht unbedingt zur Freude des Besitzers der Figur, denn diese landet, falls er sie noch nicht bewegt hat, nun nicht mehr dort, wo es eigentlich geplant war.

Hat man so alle 8 Karten verspielt – bereits eingesetzte Karten legt man offen vor sich ab, sodaß jeder stets weiß, was die anderen noch auf der Hand haben –, wird wie oben geschildert der Wert der Halunken berechnet und der höchste Punktewert gewinnt.

Na ja, wird man sagen, und das war's dann? Nein, denn das war nur das Einstiegsspiel. Im Standardspiel kommt noch eine weitere Figur dazu, der zwielichtige Kapitän Black Jack. Er "arbeitet" in jeder Runde für jenen Spieler, der ihm die höchste Halunkenkarte bietet und zwar, nachdem alle anderen Spieler wie oben beschrieben, gezogen haben. Dann wird die oberste Karte von Käpt'n Jacks Bewegungsstapel umgedreht – er enthält die Werte von 1 bis 12 – und die schwarze Figur beginnt ihre Runde durch die Spelunken. Und wann immer sie dabei auf eine gegnerische Figur trifft, raubt sie von dieser für ihren "Besitzer" eine Halunkenkarte, soferne er nicht bereits mehr Karten als der zu Beraubende besitzt.

Zwei Dinge müssen noch gesagt werden. Beendet eine Figur ihren Zug in jener Spelunke, in der Black Jack darauf wartet, endlich losmaschieren zu dürfen, so darf sie ihm eine von jenen Karten rauben, die er von den Spielern als Lohn für seine Arbeit erhielt. Dabei spielt es auch keine Rolle, ob der Spieler vielleicht schon mehr Karten als Black Jack besitzt. Und was passiert, so wird man sich spätestens dann fragen, wenn es passiert, wenn nämlich niemand Black Jack ein Angebot macht? Nun dann arbeitet der Bursche in die eigene Tasche, wird am Ende einer Runde ganz normal gezogen und kassiert von jedem Spieler, den er unterwegs trifft, eine Karte. Auch hier endet das Spiel nach acht Runden und es wird, wie oben beschrieben gewertet und gewonnen.

"Halunken & Spelunken" ist, wie oben schon erwähnt, als Familienspiel gedacht und auch durchaus geeignet. Es gilt zwar eine Menge zu beachten und zu überlegen, doch kann sich das alles ad absurdum führen, denn spielt einer oder gar mehrere so nach "Gefühl", dann nützen einem alle Überlegungen, was wohl die beste Bewegungskarte wäre, nicht nur für sich selbst, sondern auch für die anderen, weil eben gerade diese Karten zu idealen Halunken führen und die Gefahr von anderen und Käpt'n Jack erreicht zu werden, minimieren würde, rein gar nichts. Und gerade unter Gelegenheitsspielern trifft man das "aus dem Bauch spielen" immer wieder an.

Aber noch etwas anderes kann einem die Lust auf das Spielen etwas verderben, zum Glück etwas formales, leicht zu reparierendes, zumindest in der nächsten Auflage, nämlich die Spielregel. Sie ist im Grunde gar nicht so übel, zumindest für so manch anderen Verlag, aber für eine Spielregel des TM-Teams ist sie nur zweite Klasse.

Zum einen ist ihr Aufbau nicht gerade gelungen – ich hatte lange Zeit immer das Gefühl, irgend etwas vergessen zu haben – und zum anderen gibt es Unklarheiten. Zwei Beispiele: Auf Seite 2 steht in der letzten Zeile der linken Spalte, daß die niedrigste Zahl zuerst ziehen darf. Da es aber nicht immer von Vorteil ist, als erster zu ziehen, was man, nachdem alle Bewegungskarten aufgedeckt sind, sofort erkennen kann, haben das einige so auszulegen versucht, daß "dürfen" eine "Kann-" aber keine "Muß-Bestimmung" ist.

Ein anderer Punkt ist Black Jack. Es heißt, daß er von jedem Spieler, den er überholt, eine Karte raubt. Wenn nun während der Phase, in der die Spieler ziehen, eine Figur auf das Feld von Black Jack zu stehen kommt, so wird dieser, nachdem er beraubt wurde, auf das nächste freie Feld gestellt. Beraubt er, falls er nun an anderen Figuren vorbeizieht diese, oder gilt diese ganze Regel nur für die Zugphase des Käpt'n?

Ein weiteres Zeichen, daß hier unter Zeitdruck gearbeitet wurde, ist die Tatsache, daß auf der Spieleschachtel die Spieleanzahl mit 3 – 4 angegeben ist, in der Spielregel selbst dann aber eine Variante für zwei Personen groß herausgestellt wird. Sie funktioniert, zweifellos, aber wenn wir nur zu zweit sind, dann greife ich doch lieber zu anderen Spielen, etwa zu "Cäsar & Cleopatra" aus dem selben Hause.

Alles in allem ist "Halunken & Spelunken" ein solides Familienspiel, das durchaus einen gewissen Anspruch besitzt, intensives Grübeln über den idealen Zug aber nicht unbedingt belohnt. Wer damit leben kann, wird daran sicherlich seine Freude haben. Und wenn auch noch die Regel ausgebügelt wird, wäre ich fast geneigt, eine 2- zu vergeben.

(Helmut Wresnik)