Java

Wir erinnern uns an "Tikal", die Tempel- und Schatzsuche im guatemaltekischen Dschungel, an jenes stimmige "Spiel des Jahres 1999" von Michael Kiesling und Wolfgang Kramer. Ein Jahr später gelang dem Duo der zweite Geniestreich "Torres", ein Burgen-Bauspiel im alten Spanien. Und erneut gab's den Titel "Spiel des Jahres 2000".

Kaum ist das Weihnachtsgeschäft angelaufen, präsentiert Ravensburger ein Spiel, von dem gesagt wird, es sei eine Kombination der beiden Spiele. "Tirres" also, oder doch "Tokal"? Von wegen. "Java" heißt das Spiel, in dem wir den unentdeckten Teil jener Insel im Indischen Ozean besiedeln.

Wir lehnen uns nach einer Partie zurück: Puh, geschafft. Vor uns liegt ein mit Plättchen und kleinen Figuren dicht belegter Spielplan, durchaus nett anzusehen. Hinter uns liegen gut und gerne drei Stunden Arbeit. Ja, Sie haben schon richtig gelesen: Arbeit und nicht unbedingt Vergnügen. Wir erkennen terrassenförmig angelegte Reisfelder, dazwischen Dörfer, Städte und Paläste und darauf unsere Figuren. Und auf der Wertungsleiste, die um den Spielplan herum führt, ist zu sehen, wer am Ende die Nase vorn hat.

In "Java" belegen wir den Spielplan mit kleinen sechseckigen Plättchen, ein-, zwei- oder dreiteilig, auf denen Reisfelder und Dörfer zu sehen sind. Führen wir mehrere Dorf-Plättchen zusammen, gründen wir eine Stadt, bauen einen Palast und hamstern Punkte. Die Devise: Je größer die Stadt, desto wertvoller der Palast, desto mehr Siegpunkte. Aber nur, wenn wir vorher mit einer unserer Figuren in diese Stadt gezogen sind und dort die höchste Position eingenommen haben. Wir entwickeln "Java" also nicht nur in die Breite und Länge, sondern vor allem auch in die Höhe.

Bei "Tikal" und "Torres", so schimpfen nicht wenige, stehe die Grübelei im Mittelpunkt des Geschehens, weniger das Miteinanderspielen. Das hat seine Richtigkeit: Jeder sinniert über den optimalen Zug, was seine Zeit dauert. In "Java" wird das Ganze auf die Spitze getrieben: Wer seine sechs Aktionspunkte Gewinn bringend einsetzen will, der überlegt und überlegt und überlegt. Plättchen werden gelegt, wieder zurückgenommen, erneut gelegt - um das Ganze dann wieder über den Haufen zu werfen. Da können für einen Zug schon zehn Minuten vergehen. Was in einer Vierer-Runde bedeutet, dass wir alle 30 Minuten (!) an der Reihe sind. Dazwischen gibt es Zeit, die wir anderweitig nutzen können: Vielleicht ist das Abendessen noch nicht gekocht, vielleicht muss das Geschirr gespült werden. Ernsthaft: Die Pausen, die durch allzu tiefsinnige Grübler entstehen, sind echt ätzend.

Und das ist genau der Knackpunkt. Was in "Tikal" und "Torres" zwar hart an der Grenze, aber noch erträglich war, die spielfreien Pausen nämlich, wird in "Java" zur Quälerei. Und nach drei Stunden, die eine Partie zu viert schon mal dauern kann, und einer großen, spielentscheidenden Schlusswertung ist das Urteil einhellig: Ja, ein optisch schönes Spiel, bei dem die verschiedenen Elemente erneut perfekt ineinander greifen. Aber ein verzichtbares Spiel, das so schnell nicht mehr auf den Tisch kommen wird. Warum? Weil Spielen in erster Linie Vergnügen und nicht Arbeit sein soll.

(Edwin Ruschitzka, Südwest Presse)


Die Zauberlehrlinge des Spielemarkts sind zur Zeit die Muggel Wolfgang Kramer und Michael Kiesling. Von den Auflagen Joanne Kathleen Rowlings träumen die beiden zwar nur, aber nach den "Spiel des Jahres"-Erfolgen 1999 mit "Tikal" und in diesem Jahr mit "Torres" dürften Sie nicht unzufrieden sein und werden mit beiden Spielen wohl auch an die Millionenauflage herankommen. Überspringen können sie sie wahrscheinlich mit "Java", ihrem neuesten Spiel, das gerade noch zum Weihnachtsgeschäft erschienen ist.

Die Nähe zu den beiden erfolgreichen Vorgängerspielen ist klar erkennbar. Optisch erinnert "Java" an "Tikal". Es geht zwar nicht um Entdeckung alter Tempelpyramiden, sondern um Tempelaufbau, vorher müssen im Hochland von Java Reisfelder angelegt und Dorflandschaften entwickelt werden. Spieltechnisch werden Erinnerungen an "Torres" wach, wieder geht es um Landschaftsausbauten in die Höhe, alles gesteuert über Aktionspunkte, alles im Spielstand-Blick durch eine Zählleiste. Auch wenn das Gefühl nicht von der Hand zu weisen ist, dass wir das alles schon einmal hatten, die neue Symbiose macht's: Die Spielwerkstatt Kramer & Kiesling kopiert sich optimal, "Java" ist ihr bisher bestes Spielprodukt.

Zwei bis vier Spieler entwickeln im Hochland der Tropenlandschaft Javas durch Legen von Landschaftsplättchen eine fruchtbare Kulturlandschaft. Dreidimensional wachsen Reisfelderterrassen in die Höhe, für die Bewässerung werden nützliche Quellen erschlossen, Palastbauten bringen Kultur und städtische Strukturen in die Dörfer. Pro Spielzug stehen sechs Aktionspunkte zur Verfügung, die dreimal im Spiel auf sieben erhöht werden dürfen. Jeder Spieler muss in seinem Spielzug mindestens ein sechseckiges Landschaftskärtchen legen. Im allgemeinen Vorrat gibt es große Dreier-Plättchen aus zwei Reisfeldern und einem Dorfteil, zusätzlich Einer-Quellfelder. Außerdem besitzt jeder noch Zugriff auf einen begrenzten Privatvorrat von Zweier- und Einer-Plättchen. 12 Spielfiguren können vom Spielfeldrand her über kultivierte Felder ins Spiel gebracht werden. Die Bewegungsweite wird durch die Landschaftskärtchen reguliert. Innerhalb der Reisfelder darf sich eine Spielfigur beliebig weit und über beliebig viele Ebenen hinweg bewegen, sofern gegnerische Spielfiguren nicht den Weg versperren. Ein Wechsel in den Dorfbereich kostet aber einen Aktionspunkt, dort darf man sich dann wieder nach Belieben tummeln, wenn nicht Palastbauten den Weg versperren. Der Palastbau entspricht der Tempelausgrabung in "Tikal". Sobald mindestens zwei Dorfplättchen nebeneinander liegen, darf ein Spieler, der sich in dem Dorf befindet, einen Palast errichten. Dadurch werden die Dörfer zu Städten, die nicht mehr zusammenwachsen können. Der Palastwert orientiert sich an der Grundfläche der Stadt, so dass für den Maximalausbau mit zehn Punkten, zehn Stadtteil-Kärtchen notwendig sind. Ausbauten dürfen stets nur von dem Spieler vorgenommen werden, der sich auf höchster Ebene in der Stadt befindet. Für den Ausbau gibt es sofort Punkte in Höhe des halben Palastwertes. Jede Erweiterung bietet die Möglichkeit zu Freudenfesten, an denen alle in der Stadt befindlichen Spieler sich beteiligen können. Die Durchführung solcher Palastfeste führt zu zusätzlichem Punkterwerb und wird über den Einsatz von Palastkarten gesteuert. Spielentscheidend ist meistens die Schlusswertung, die erfolgt, wenn alle großen Landschaftsplättchen verbaut sind. Dann gibt es noch einmal in allen Ortschaften mit Tempel für die am höchsten und an zweiter Stelle stehenden Spielfiguren den vollen bzw. halben Tempelwert. Wer dann auf der Zählleiste am weitesten vorrücken konnte, darf sich nach möglichen spannenden 70 bis 90 Minuten, aber auch nach eher zähen 180 Minuten Spielsieger nennen.

Weshalb ist für mich "Java" der eindeutige Höhepunkt der Trilogie des Autorenduos? Keins der Vorgängerspiele war thematisch so stimmig umgesetzt. Die Plantagenbilder mit ihren Terrassenlandschaften, die während des Spiels entstehen, sind äußerst nah an der Realität. Vielfältige taktische Möglichkeiten finden wir in allen drei Spielen, das Spiel mit der dritten Dimension ist aber nirgends so perfekt umgesetzt wie in "Java". Die ständigen Veränderungen, die durch die Überbaumöglichkeiten geschaffen werden, führt zu immer wieder überraschenden Wendungen. Braucht die deutsche Spielelandschaft "Java"? Brauchen wir die Autoren, die sich selbst kopieren? Ich denke, ja, wenn das Ergebnis eine Steigerung erkennen lässt. Trotzdem müssen Autoren und Verlage auf der Hut sein: Der Harry Potter-Effekt lässt sich nicht beliebig übertragen! Der Wiederholungswert aller vier Rowling-Bände ist ausgesprochen hoch, schmälert aber überhaupt nicht den wachsenden Erfolg der Buchreihe. Im Gegenteil, jetzt schon wartet die Fangemeinde sehnsüchtig auf den fünften Band. Spielerlebnisse sind durch ihren erwünschten Wiederholungscharakter nur bedingt mit Leseabenteuern vergleichbar. Ein Nachkaufeffekt - nach der Lektüre von Band 4 brauche ich auch Band 1 bis 3 - entsteht kaum. Wenn "Java" das beste Spiel ist, kann ich auf "Tikal" und "Torres" verzichten. Ob der Verlag Ravensburger sich einen Gefallen getan hat, "Java" zum jetzigen Zeitpunkt herauszugeben und nicht erst bis zur Spielwarenmessen 2001 zu warten, ist daher die große Frage. Das Weihnachtsgeschäft läuft und da wollten die Ravensburger sicherlich das "Spiel des Jahres" 2000 gut verkaufen. Sie schaffen sich jetzt die Konkurrenz im eigenen Hause. Guten Gewissens kann ich keine eindeutige Kaufempfehlung mehr aussprechen, denn das bessere "Tikal/Torres" heißt nun einmal "Java".

(Wieland Herold, Alfelder Zeitung)

"Java" von Michael Kiesling und Wolfgang Kramer, Ravensburger, für 2 bis 4 Spieler ab 12 Jahren.