Kunststücke

Es gibt ein paar Ausnahmen bei den Spieleverlagen, bei denen man jede Neuerscheinung beinahe unbesehen kaufen kann, ohne jemals auf einen alten Hut hereinzufallen. Dazu gehören die Moskito-Spiele. Karl-Heinz Schmiel ist in diesem Unternehmen zugleich Erfinder, Redakteur, Designer, Produktionsleiter, Lagerverwalter, Versandmitarbeiter, Vertriebschef und Leiter von Buchhaltung, Rechnungswesen und Controlling. Wo dieser Mann Energie und Kreativität hernimmt, jedes Jahr mit einem neuen, originellen Spiel anzutreten, bleibt ein Rätsel.
Unter dem Titel Kunst-Stücke ist gerade sein neuestes Spiel herausgekommen. Weil es Mode ist, jedem Spiel einen quasi-realen Mantel umzuhängen ist auch hier eine Story aufgesetzt: Eine Gruppe von Künstlern arbeitet gemeinsam an einem Werk. Jeder hat eine andere Vorstellungen davon, wie das fertige Bild aussehen soll. Der eine möchte hier einen großen roten Fleck, der andere dort einen kleinen grünen Tupfer. So zerren und schieben nun alle nach Kräften die Farben auf dem Tableau hin und her. Das Spiel ist in Wahrheit abstrakt und hat diesen Aufsatz nicht nötig.

Gespielt wird auf einem schlichten Plan mit 18 mal 18 kleinen Quadraten, die man sich etwas deutlicher abgegrenzt wünscht. Zunächst bekommt jeder Spieler zehn Chips und einen Pappstreifen als Wertungsleiste. Dieser zeigt fünf Ablagefelder mit Werten zwischen 5 und 15. Das sind Punkte, die man erringen und dazu auch noch durch darüber gedeckte Plättchen erhöhen kann.

Gespielt wird mit knallbunten Pappfeldern unterschiedlicher Form und Größe. Die bricht man zunächst aus dem Stanzrahmen und nimmt sich dann reihum eine vorgegebene Menge, die von der Zahl der Spieler abhängt. Wer am Zug ist kann drei Aktionen ausführen: Ein beliebiges Farbteil auf dem Plan ablegen, ein bereits liegendes verschieben und außerdem noch Wertungsplättchen nehmen.

Alle diese Aktionen sind ganz einfach und einleuchtend. Auslegen darf man Farbteile nur auf freien Flächen auf dem Plan. Die Elemente können sich also nie überdecken. Beim Auslegen dürfen nur gleiche Farben aneinanderstoßen. Das schränkt im Spielverlauf den Handlungsspielraum zunehmend ein, weil der Plan ja immer voller wird. Wenn ein Spieler nicht auslegen kann, oder nicht will, um den anderen nicht in die Hand zu spielen, so muß er dafür ein Teil aus seinem Vorrat opfern und abgeben. Die zweite Aktionsmöglichkeit betrifft das Verschieben.

Das ist der eigentliche Witz des Spiels. Fünf mal im Spiel darf sich jeder Spieler einen Stapel mit Aufgabenkärtchen nahmen, ihn durchsuchen und ein Plättchen herausfischen. Das legt er dann verdeckt auf eines seiner fünf Wertungsfelder. Eine solche Aufgabe kann zum Beispiel lauten, fünf gelbe oder drei grüne Teile zu einem Block zusammenzuschieben. Wenn bei Spielende dann tatsächlich fünf gelbe Stücke - nicht mehr und nicht weniger - aneinandergrenzen, bekommt der Spieler fünf Punkte. Dazu kommt der Wert des Feldes, auf dem man das Aufgabenplättchen abgelegt hat. Um die richtige Konstellation hinzukriegen muß man also die Teile herumschieben. Dazu muß der dazwischenliegende Weg frei sein oder erst freigemacht werden. Das alles kostet Chips. Doch von denen hat man nur zehn...

In der Auswahl der Aufgabenplättchen steckt eine ganz raffinierte Mechanik. Auf der einen Seite ist es verlockend zu warten und in Ruhe der Entwicklung der Dinge zuzusehen. Man darf sich ja seine Aufgabenplättchen auch erst zu einem beliebig späten Zeitpunkt heraussuchen. Das hat aber den Nachteil, daß dann die guten, sprich hohen Werte oft schon von den Mitspielern kassiert wurden und nur noch magere Aufgaben zur Auswahl stehen. Die lassen sich andererseits leichter erfüllen, als Aufgaben mit vielen Teilen. Ein Dilemma stellt auch die Auswahl des Wertungsfelds dar, auf das die Aufgabe gelegt wird, denn nachträgliche Änderungen sind nicht erlaubt; gelegt ist gelegt.

Kunst-Stücke bringt das seltene Kunststück zuwege, daß man gar nicht merkt, daß das Spiel wirklich ganz abstrakt ist und gar keine Erlebnisgeschichte braucht. Schön und solide gemacht. Einfach, aber ungemein spannend!

(Tom Werneck)

"Kunst-Stücke". Autor und Redakteur: Karl-Heinz Schmiel, Moskito-Spiele, Donnersbergerstr. 55, 80634 München. Tel: 089 / 131881, Fax: 089 / 132993, 2 bis 5 Spieler


Ja, man stelle sich die Idee einmal konkret vor, die der Muenchner Karl-Heinz Schmiel seinem neuen Spiel "Kunststuecke" zugrunde gelegt hat: Fuenf Kuenstlerinnen und Kuenstler stellen sich vor eine Leinwand und moechten gemeinsam ein Bild gestalten. Jeder und jede von ihnen hat aber eine andere Vorstellung davon, wie das Bild schliesslich aussehen soll. Einer moechte einen roten Farbakzent in der Mitte setzen, die andere vermehrt mit Gelb arbeiten, waehrend der dritte die blauen Stuecke lieber ueber die ganze Komposition verteilt haette. Wenn das nur gut herauskommt!
Was sich Schmiel da ausgedacht hat, kommt in der Realitaet sehr selten vor. Kuenstler sind eben ausgesprochene Individualisten, die ihre eigenen Ideen verwirklicht haben wollen. Anders im Spiel: Da lassen sich auch schraege Phantasien umsetzen. Die Folgen sind in "Kunststuecke" denn auch entsprechend: Die "Kuenstlerinnen" und "Kuenstler" kommen einander ganz tuechtig ins Gehege, was aber ganz im Sinne des Autors ist, der mit diesem Spiel ein ganz tolles Kunststuecklein zustande gebracht hat.

So genial die Spielidee, so einfach der Ablauf, den man sich sehr rasch merken kann: Wer an der Reihe ist, kann ein Farbstueck legen, ein bereits liegendes verschieben oder ein Wertungsplaettchen aufnehmen. Das Farbstueck, das man auf das Spielbrett legen will, nimmt man vom grossen Haufen. Man spielt also nicht mit einer eigenen Farbe, sondern kann in jeder Runde frei waehlen. Das gilt auch fuer das Verschieben von Farbstuecken, die auf dem Brett liegen. Fuer diesen Vorgang muss man jedoch einen seiner zehn Chips abgeben. Sowohl beim Ablegen von neuen Teilen als auch beim Verschieben versucht man, seine Vorstellung vom Gesamtbild des Kunstwerks durchzusetzen. Der Witz besteht darin, dass man diese Vorstellung nicht von Anfang an hat, sondern sie sich erst im Verlauf des Spiels entwickelt. Dabei spielen die fuenf Wertungsplaettchen, die man waehrend des ganzen Spiels aufnehmen kann, eine entscheidende Rolle: Ein rotes Plaettchen mit der Zahl vier bedeutet naemlich, dass man auf ein Kunstwerk spekuliert, bei dem vier rote Teile aneinander liegen. Dass die anderen von diesem Ziel nichts wissen, ist logisch: Erst aus dem Legen und Verschieben wird deutlich, wer welches Kunstwerk schaffen will. Und hat man dies erkannt, versucht man, die Plaene so rasch als moeglich zu durchkreuzen. Am Schluss erhaelt naemlich der am meisten Punkte, der seine Ideen am besten hat durchsetzen koennen. Um zu diesem Ziel zu gelangen, muss allerdings auch noch richtig spekuliert haben - die Wertungsplaettchen legt man naemlich auf Bonus-Feldern eines Tableaus ab. Wenn dann zum Beispiel das rote Zweier-Wertungsplaettchen auf dem Fuenfer-Bonus-Feld liegt, erhaelt man in der Wertung sieben Punkte. Haette man das gleiche Wertungsplaettchen auf das Zehner-Bonus-Feld gelegt gehabt, waere man auf zwoelf Punkte gekommen.

"Kunststuecke" gehoert zu den interessantesten Legespielen, die sich derzeit auf dem Markt befinden. Es verlangt sowohl ein gehoeriges Mass an taktischem Koennen und ein gutes Gespuer fuer das richtige Spekulieren. Spannung kommt auch deshalb auf, weil aufgrund der verdeckten Spielziele bis zuletzt nicht bekannt ist, wer das Spiel gewonnen hat.

(Synes Ernst)

Titel "Kunststuecke", Autor: Karl-Heinz Schmiel, Verlag: Moskito-Spiele, Gattung: Taktisches Legespiel, fuer: 2 bis 5 Personen ab 12 Jahren