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Ming und Malawi
Die äußere Ähnlichkeit könnte kaum größer sein. Auch die wesentliche Charaktereigenschaft stimmt weitgehend überein. Und doch erweisen sich MING und MALAWI als zwei völlig eigenständige Spiele, von denen auch nur das eine als Schachvariante gelten kann, ohne daß damit etwas Negatives über das andere gesagt sein soll.
Beide Spiele sind mit Figuren ausgestattet, die sich von gängigem Design grundlegend unterscheiden. Hohe Stangen auf klobigen Sockeln, die darauf warten, mit Holzperlen bestückt zu werden. Das sieht nicht nur ungewöhnlich aus, das spielt sich auch so.
Geschlagen werden nämlich nicht die Figuren des Gegners, sondern bloß dessen Perlen. Oder anders ausgedrückt: Nicht die Energieträger selbst sehen sich in ihrer Existenz bedroht, sondern lediglich ihre in den Perlen schlummernde kinetische Energie wird unwiederbringlich abgeleitet. Die exakte Umkehrung des Vorgangs übrigens, den sich Tom Kruszewski für sein CHASE (Fairplay 48, 49) hat einfallen lassen, wo die konstant bleibende Bewegungsenergie so lange auf die immer weniger werdenden Figurenwürfel verteilt werden muß, bis deren Aufnahmekapazität gesprengt wird.
Während nun bei MALAWI der Sieg außer durch vollständigen Energieentzug auch durch Erreichen der gegnerischen Grundlinie errungen werden kann, hält MING neben der Eroberung von sieben Kugeln gleich zwei weitere Siegbedingungen parat. Zum einen ebenfalls den Durchbruch zur gegnerischen Grundlinie, hier allerdings durch den Kaiser, die Hauptfigur. Zum anderen das Schlagen des gegnerischen Kaisers.
Womit nun auch erkennbar geworden sein dürfte, welches der beiden Spiele bei großzügiger Betrachtung noch gerade so eben in die Kategorie Schachderivat fällt. Noch etwas deutlicher wird dies, wenn man weiß, daß MING eine Figurenhierarchie kennt mit einem Mandarin, zwei Generälen und drei Mönchen, die dem Kaiser unterstellt sind und sich durch die Länge ihrer Stangen unterscheiden. Anders als der ebenso schwächliche wie schutzbedürftige König im Schach kann der Kaiser allerdings mit einem Fassungsvermögen von fünf Perlen sogar zur stärksten Figur aufsteigen.
Kann, muß es aber nicht. Denn die Zugweite einer Figur ergibt sich aus der Differenz zwischen eigenen und fremden Perlen darauf und kann deshalb im ungünstigsten Fall null betragen. Sind zu Beginn alle Figuren mit nur einer Perle ihrer Farbe bestückt, werden es im Laufe der Partie immer mehr. Nach jeder Bewegung wird nämlich, solange der Vorrat reicht, eine weitere Perle ins Spiel gebracht und auf eine eigene oder gegnerische Figur gesteckt.
Unschwer auszumalen, was diese Doppelzüge an taktischem Potential bergen. Das noch dadurch vergrößert wird, daß sich die Zugrichtung einer Figur nach der Summe ihrer Perlen richtet, nämlich orthogonal bei gerader und diagonal bei ungerader Zahl. Und daß die potentielle Zugweite stets voll ausgeschöpft werden muß.
Geschlagene Figuren werden vom Gegner sofort wieder auf seiner Grundlinie ins Spiel gebracht, während die darauf befindlichen Perlen verloren sind bzw. in den Vorrat des Angreifers zurückkehren. Eingedenk dessen, daß bereits mit Verlust der 7. Perle die Partie insgesamt verloren geht, ist behutsames Vorgehen das Gebot der Stunde und für kühne Perlenopfer kaum Raum.
Ist es bei MING immerhin noch möglich, eine bedrohte Figur mit einer bereits voll bestückten und deshalb in ihrem Zugverhalten grundsätzlich nicht mehr veränderbaren Figur zu decken, läßt MALAWI ein solches Verteidigungsmuster von vornherein nicht zu. Hier zieht nämlich die angreifende Figur nicht auf das Feld ihres Opfers. Vielmehr schlägt sie die darauf befindlichen Perlen aus der Distanz und läßt ihr Opfer an Ort und Stelle bewegungsunfähig zurück.
Freilich vorerst nur. Denn MALAWI erlaubt außer dem orthogonalen Ziehen und Schlagen entsprechend der Anzahl von maximal sechs Perlen auch das gleichmäßige Umverteilen sämtlicher Perlen einer Figur. Neben dem Dazwischenziehen einer Figur ein probates Mittel, bedrohte Perlen nicht bloß zu retten, sondern durch geschickte Neuverteilung zugleich mehrere Gegendrohungen auszusprechen. Dabei läßt sich die Dynamik dieses Vorgangs noch dadurch steigern, daß man in Abweichung von der Spielregel gestattet, daß die Perlen nach freiem Belieben, also auch mehrere oder gar alle auf eine andere Figur, umgesteckt werden.
MALAWI von Gerhard Kodys war bereits vor 14 Jahren mit einem Platz auf der damals noch so genannten Bestenliste zum Spiel des Jahres ausgezeichnet worden und hatte seinerzeit durchweg gute Kritiken erhalten. Jetzt hat man es bei Piatnik wohl aufgrund des wieder gestiegenen Interesses an abstrakten Denkspielen in neuer Aufmachung erneut ins Programm genommen.
Demgegenüber ist MING eine Neuentwicklung von Jürgen Reiche, der es in seinem Verlag Siebenstein Spiele im Herbst vorigen Jahres zur Spiel '99 in Essen herausgebracht hat. Mit einem für einen Kleinverlag bemerkenswerten Erfolg. Die Startauflage von 400 Stück war zu Weihnachten bereits ausverkauft, so daß MING erst ab Mitte des Jahres wieder lieferbar sein wird.
Der Verfasser dieser Zeilen hatte sich seinerzeit nicht gescheut, MALAWI in seiner Kolumne in einer Berliner Tageszeitung als "kleines Kunstwerk aus spielästhetischer Sicht" zu preisen. Ein Urteil, das auch heute noch Gültigkeit besitzt und in gleicher Weise auf MING zutrifft. Noch ein Punkt, in dem diese beiden so erfrischend andersartigen Spiele übereinstimmen und der sie beide für eine gepflegte Spielesammlung unverzichtbar macht.
(Jochen Corts) Hersteller und Preise: MING: Siebenstein Spiele, Bruchfeldweg 6, 48161 Münster; 49 DM (auch im Direktversand).MALAWI: Piatnik; ca 45 DM.
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