Pi mal Daumen

Menschen mit Bildung, insbesondere mit klassisch-humanistischer Bildung, erinnern sich, daß Pi der 16. Buch-stabe des griechischen Alphabets ist. Und die mit einer gewis-sen mathematischen Grundausstattung oder Besitzer eines guten Lexikons wissen darüber hinaus, daß der niederländi-sche Mathematiker Ludolph von Ceulen vor etwas mehrt als 400 Jahren mit diesem Buchstaben die unendliche, nichtperio-dische Dezimalzahl symbolisierte, die das konstante Verhält-nis des Kreisumfangs zum Durchmesser angibt.

Diese irrationale "Ludolphsche Zahl" - kaum einer gibt sich da Rechenschaft - benutzt man noch heute, um eine Zahl zu charakterisieren, die man nicht so ganz genau weiß und nur vage abschätzen kann. "Pi mal Daumen" heißt es dann, "lebt der Durchschnittsverdiener in der Bundesrepublik von ca. 3.800 DM." Auch in der Schweiz kennt man diese Redewen-dung, aber bei unseren Nachbarn scheint es Otto Normalver-diener erheblich besser zu gehen, denn hier heißt es gleich "Pi mal Handgelenk verdient er ...."

Um eine solche Annäherung an zuweilen höchst ungewöhnli-che Zahlen geht es in einem Quiz- und Ratespiel von Grzegorz Rejchtman, erschienen bei Kosmos in Stuttgart. Wer gedacht hat, daß dieses Spielegenre längst ausgeluscht ist, wird hier eines anderen belehrt. Entstanden ist ein quicklebendiges Spiel, das sofort in seinen Bann schlägt und höchst lebendige Diskussionsrunden schafft.

Unversehens steht man da vor dem Problem abschätzen zu müssen, wie lang der Gang ist, den ein Maulwurf in einer Stunde gräbt. Und wer weiß schon ganz genau, wie weit ein Stinktier sein übelriechendes Sekret durch die Luft befördern kann?! Wußten Sie, daß die rechte Körperhälfte eines Men-schen rund ein Pfund schwerer ist als die linke? Gut, wer bei seinem letzten Urlaub Pisa einen Besuch abstattete, wird sich vielleicht noch erinnern, daß der schiefe Turm dort 55 Meter hoch ist. Aber wer weiß schon, wie lange das Rote Meer braucht, um sein Wasser einmal völlig auszutauschen?

Da hilft nur eins: Man streckt den Daumen raus und schätzt auf's Geratewohl: "Pi mal Daumen vermutlich 10 Jahre". Der Vorleser dieser Frage hat für diese Antwort nur ein müdes Grinsen: "Das ist arg daneben." Nun haben die anderen Mit-spieler die Chance, es besser zu machen und eine andere Zahl in den Raum zustellen. Kommt es zu akzeptablen Näherungs-werten, gibt es Punkte, die man mit seiner Figur auf der Um-laufbahn voransetzen kann. Nur wer dabei auf die genau Zahl 20 Jahre kommt, darf die höchste Punktzahl vorrücken.

Die Farbe des neuen Standorts gibt an, welche Frage beim nächsten Mal zu beantworten ist. Außerdem gibt es Bonusfel-der, auf denen der Letzte auf der Laufstrecke eine Sonder-chance erhält. Beantwortet er die Frage richtig, erhält er die doppelte Punktzahl und kann damit ein wenig Terrain gut ma-chen. Hoffnung geben ihm auch die Minusfelder vor dem Ziel. Die bremsen eventuell vorgeprescht Superintelligenzbolzen doch erheblich ab, so daß der schlußendliche Einlauf unter Umständen etwas versöhnlicher ausschaut.

(Bernward Thole)

"Pi mal Daumen" von Grzegorz Rejchtmann, Kosmos, für 3 bis 6 Spieler ab 12 Jahren