
|
Quartier Latin
Kartenlegespiele haben in unserer Spielekultur eine lange Tradition, Canasta, Rummy sind nur zwei Beispiele dafür. Während diese aber vollkommen abstrakt ans Werk gehen, bedienen sich neuere Exemplare dieses Genres eines Themas, sei es ein Autorennen beim Klassiker "1000 km", ein Bandenkrieg bei "Family Business" oder Rauschgift bei "Grass". Jüngstes Mitglied in dieser Spielerunde ist das in Essen erschiene "Quartier Latin", bei dem es um das Errichten von gastronomischen Lokalitäten an der schönen Seine-Metropole geht. "Quartier Latin" ist das Erstlingswerk zweier Autorinnen, Birgit Stolte und Dagmar Wolsing, die ihr Spiel, illustriert von Doris Matthäus, im Eigenverlag "Daggit" herausgebracht haben.
Konzipiert wurde es von den beiden Autorinnen als Partnerspiel für vier oder sechs Spieler. Das ist schon okay, jedoch ist mir vollkommen unklar, warum man es nicht auch zu zweit oder zu dritt spielen sollte? Es mutet schon etwas seltsam an, wenn, im Gegensatz zur sonstigen Gepflogenheit, derart tiefgestapelt wird und noch seltsamer ist es, daß niemand die beiden im Vorfeld darauf aufmerksam gemacht hat. Solche Einschränkungen sind mit Sicherheit nicht gerade verkaufsfördernd. Jedes Team – ein Team kann aber, wie schon oben angedeutet, auch durch nur einen Spieler verkörpert werden – jedes Team also beginnt mit einer Baugenehmigung und sechs Karten für jedes der beiden Teammitglieder. Wer nun am Zug ist, zieht eine weitere nach und kann nun eine seine Karten an einer eigenen oder fremden Baustelle ablegen bzw. einfach abwerfen. Danach ist dann der linke Nachbar an der Reihe. Ziel des Spiels ist es, möglichst viele Punkte zu erreichen. Dies kann aber nicht nur durch das Bauen von eigenen Gebäuden, sondern auch durch gezieltes Sabotieren der Konkurrenz erreicht werden. Wer daran denkt, ein eigenes Gebäude zu errichten, muß zunächst einmal eine Baugenehmigung besitzen, die, wie könnte es anders sein, auch verschwinden kann. Daß da die lieben Mitstreiter dahinter stecken, ist natürlich nur ein unbestätigtes Gerücht. Was man da also zu Bauen gedenkt, darüber läßt man die Konkurrenten zunächst einmal im Unklaren; erst die Eröffnung wird zeigen, ob es sich um ein Bistro, einen Biergarten, ein Restaurant oder gar um eine Disco handelt. Die entsprechende Gebäudekarte wird also verdeckt an den Teambauplatz gelegt und muß nun "entwickelt" werden. Das ist durch entsprechende Karten aus den Kategorien Einrichtung, Personal und Werbung möglich. Sobald auf diese Weise zumindest 30.000 Mark investiert sind, gilt das Lokal als eröffnet, die Gebäudekarte wird umgedreht und man darf sich schon fast über Punkte freuen, aber eben nur fast, denn die Neidgenossenschaft schläft nie. Schon im Planungsstadium werden einem ständig Prügel zwischen die Füße geworfen. Da werden Entwicklungskarten von noch nicht fertig gestellten Gebäuden wieder entfernt, natürlich trifft es dabei immer die wertvollsten Karten und da werden einem Rowdies auf den Hals gehetzt. Eine Rowdiekarte ist zwar schon übel aber nicht unbedingt das Ende, denn man kann dieses Gebäude noch ungestört weiter entwickeln, doch wenn ein zweiter Rowdie dazukommt und nicht wenigstens einer der beiden schnellstens abgewehrt wird, dann kann man das Lokal abschreiben und die Karte den Gegnern übergeben, die sich über unerhoffte Punkte bei der Endabrechnung freuen werden. Während diese beiden Störaktionen jedoch nur an noch nicht eröffneten Lokalitäten durchführbar sind, kann eine Bombe auch für ein bereits eröffnetes Lokal Verwendung finden. Sollte diese Drohung eine Runde lang bestehen bleiben, d.h. man hat keine Managerkarte auf der Hand, um die Bombe zu finden und zu entschärfen, dann geht das Ding in die Luft, und wieder freut sich jemand diebisch über leichtverdiente Punkte. Klar, daß man sich gegen solche Attentate wehren will. Dies ist aber nur gegen Rowdies und Bomben möglich, alles andere muß man mit süßsaurem Lächeln und heimlichen Rachegedanken über sich ergehen lassen. Gegen Rowdies helfen zum einen die Manager, die, wie schon erwähnt, das einzige Mittel gegen eine Bombe sind und natürlich andere Rowdies, wobei diese zumindest so stark sein müssen, wie jene, die vertrieben werden sollen. Vergessen sollte man auch Gustave und Gastone nicht, aber um sie einzusetzen zu können, müssen die Baustelle bzw. das Gebäude absolut clean sein, also eventuell vorhandene Störungen sind vorher zu entfernen. Der Manager hat übrigens noch eine dritte Funktion, denn er kann auch zum Ausspionieren der gegnerischen Bauabsichten verwendet werden. Dies nicht nur, um möglichst wertvolle Ziele für seine Störaktionen zu erspähen, sondern auch um herauszufinden, ob an dem einen oder anderen Bauplatz nicht vielleicht nur ein Toilettenhäuschen errichtet werden soll, das einzig und alleine dazu dient, die Aufmerksamkeit der Gegner auf sich zu ziehen. Sobald der Talon und die Handkarten aufgebraucht sind, wird abgerechnet. Dabei kann man aber nicht nur Pluspunkte erhalten, denn für unterentwickelte Gebäude gibt es auch Minuspunkte. In der Regel wird man aber kräftig absahnen und wer nach einigen Runden den höchsten Kontostand besitzt, hat gewonnen. Auf den genauen Abrechnungsmodus will ich hier nicht weiter eingehen, erwähnt sei nur, daß es auch Boni gibt und die bei anderen zerstörten Gebäude ebenfalls positiv zu Buche schlagen. Bei "Quartier Latin" regiert wie bei allen Spielen dieses Typs sehr stark das Glück der Kartenverteilung. Es kann ein wahrer Genuß sein, wenn man die richtigen Karten zur richtigen Zeit auf der Hand hält, es kann aber absolut frustrierend sein, wenn einem Göttin Fortuna nicht huldvoll zulächelt. Doch das muß man bei solchen Spielen halt in Kauf nehmen und auf die Dauer mehrerer Spielrunden wird sich das alles wohl mehr oder weniger ausgleichen. Wer damit leben kann und die zu Beginn erwähnten Spiele gerne mal auf den Tisch bringt, der wird auch an "Quartier Latin" seine Freude haben, nicht zuletzt, weil das Spiel auch graphisch durchaus gelungen ist – ein echter Doris Matthäus eben. (Helmut Wresnik)
|