Trini

Wie ist das mit der Liebe auf den ersten Blick? Gibt es die wirklich? Und hält sie tatsächlich länger als die Liebe auf den zweiten, dritten oder gar vierten Blick? Sascha Guitry, der geistreich-ironische Spötter, war da offensichtlich ganz anderer Meinung. "Jähe Liebe", so befand er, "ist eine Gemütskrankheit, die durch die Ehe schnell geheilt werden kann."
Auch bei den Spielen gibt es so etwas, wie eine Liebe auf den ersten und eine solche auf den zweiten und späteren Blick. Zumindest hier habe ich die Erfahrung gemacht, daß mich die Spiele umso länger beschäftigten und faszinierten, um die ich mich intensiv bemühen mußte, die sich mir zunächst ganz und gar nicht erschlossen haben.

Als ich "Trini" von Martin Radtke das erste Mal sah, war ich sehr skeptisch. Sicher, das Spielbrett ganz in Holz und top verarbeitet ist schon ein Anblick und legt die Vermutung nahe, daß der recht hohe Preis gerechtfertigt ist. Aber ein taktisches Spiel für zwei bis vier Personen? Das kann doch nicht angehen! Bis man wieder an der Reihe ist, hat sich doch immer die Situation auf dem Brett verändert. Da wird man doch mehr gespielt, als daß man aktiv etwas auf dem Spielplan aufbauen und gestalten kann.

Und dann die merkwürdigen Würfel mit diesen simplen Symbolen: Kreis, Stern, Quadrat - gefüllt und ungefüllt. Ins Spiel gebracht, ragen sie pyramidenförmig aus ihren Dreiecksfeldern. Daß man sie in der waagrechten Achse nach rechts oder links drehen kann, habe ich sofort kapiert. Erheblich länger brauchte ich, um das "Hochdrehen" in der senkrechten Achse halbwegs zu begreifen.

Und dann können die Würfel auch noch über das sechseckig angelegte Spielfeld wandern! Es dauerte lange, bis ich verinnerlichte, daß das nur über die dreieckigen Felder, nicht aber über die runden Mulden möglich ist. Letztere dienen dazu, einen "Trini" aufzunehmen, sobald es gelungen ist, drei Würfel rund um eine solche Mulde zu versammeln. Die Würfel müssen allerdings zur Mulde hin allesamt das gleiche Symbol zeigen: Gefüllte oder ungefüllte Kreise, Sterne oder Quadrate.

"Trinis" sind übrigens kleine Edelsteine, fünf Stück erhält man zu Spielbeginn. Wer die zuerst auf die beschriebene Weise in den Mulden untergebracht hat, gewinnt das Spiel.

Trickreich baute ich immer wieder Strategien mit Zügen über diese Mulden hinweg auf und wunderte mich, daß mich niemand daran hinderte. Erst wenn ich dann meinen phänomenalen Superzug anbringen wollte, griffen die Mitspieler ein und machten mich geduldig auf den erneuten Irrtum aufmerksam: šber diese runden Mulden darf nun einmal nicht gezogen werden.

Ich gestehe hier frank und frei: Die ersten fünf Partien "Trini" habe ich gnadenlos verloren. Entweder habe ich das mit dem Würfeldrehen falsch angefangen. Oder ich habe Wanderbewegungen meiner Würfel in völlig idiotische Richtungen geplant. Was ich auch immer anstellte und wie sehr ich mich auch abmühte, immer hatten meine Mitspieler die Nase vorn und alle ihre "Trinis" vor mir in den Mulden untergebracht.

Doch irgendwie ließ mich das Spiel nicht los, ich wollte es einfach wissen! Und dann bemerkte ich plötzlich, wie ich immer weniger Probleme mit den Würfelseiten, mit dem Drehen und Wandern der Würfel hatte. Und plötzlich eröffneten sich mir taktische Möglichkeiten, die ich vorher gar nicht gesehen hatte. Tja, und dann gewann ich - sehr zum Erstaunen meiner bereits leicht genervten Mitspieler - die erste Partie.

Und seitdem empfehle ich "Trini" allen Leuten, die diese Art Spiele mögen. Es ist meine Liebe auf den sechsten Blick. Bei manchen dauert es halt länger!

(Bernward Thole)

TRINI von Martin Radtke, Denkspiel für 2-4 Spieler ab 10 Jahren, Verlag: Hiegemann & Kumpernaß, Holbeinstr.7, 53175 Bonn, Tel: O228/9579900, Fax: 0228/9579902