"Zum Kuckuck!" Ja wirklich, es ist zum 'aus der Haut fahren' mit diesem Spiel. Der gleichnamige Titel dieser Kartenspielneuheit ist da ungewollt passend. Denn selten gab es so ein Mißverhältnis zwischen dem was man erwartet, wenn man der optischen Präsentation folgt und dem, was sich dann tatsächlich dahinter verbirgt. Von verlegerischer Seite eine Krücke sondergleichen. Das ist umso verdrießlicher, als daß ZUM KUCKUCK! ein vorzügliches raffiniertes und cleveres Kartenspiel ist, das allerdings durch die total falsche Gestaltung ganz sicher in die falschen Hände gerät. Die nämlich läßt ein fröhliches unkompliziertes Spielchen erwarten vorzugsweise für Kinder, wie die Comicartige Grafik vermuten läßt. Aber genau das ist ZUM KUCKUCK! gewiß nicht!
Das Thema dieses Spiels ist völlig daneben, soviel steht fest. Da ist die Rede von der armen Berta, die wochenlang auf ihren Eiern brütet und mitten im Gelege plötzlich einen Kuckuck entdeckt. Warum Berta ein Kakadu (sic!) ist und wie das alles mit einem Kuckuck zusammenpaßt, bleibt wohl ein Rätsel des Verlags. Tatsächlich geht es im Spiel darum, Zahlenkarten möglichst so clever auszuspielen, daß man nicht den höchsten Kartenwert vor sich liegen hat. Das bedeutet nämlich den Verlust eines eigenen Kakadus im Nest und das möchte man doch vermeiden. Ganz besonders reizvoll an der Spielidee ist der Ablauf. Ein ganzes Spiel besteht aus einer Reihe von Einzelspielen, in denen jeder einmal mit dem Blatt aller anderen Mitspieler spielt. Bei vier Mitspielern also vier Einzelspiele. Dabei gilt es, das beste aus dem jeweiligen Blatt zu machen und die Karten besser zu nutzen als die Gegenspieler. Eine ganz pfiffige Idee, die einiges an Erfahrung mit Kartenspielen erfordert. Kartenspielanfänger und Kinder sind hier schlicht überfordert. Die Altersangabe ab 12 Jahren paßt da schon eher.
'Am Thema vorbei!' schrieb mein Deutschlehrer früher gern unter die Aufsätze, was allerdings nichts über die Qualität des Textes aussagte. Ähnlich verhält es sich auch bei ZUM KUCKUCK!. Ein Klasse-Spiel in der falschen Verpackung.
(Andreas Mutschke)
Eine Spieleneuheit koennte Furore machen, doch ist sie vom Verlag in ein falsches Nest gelegt worden.
"Ach, ein Kinderspiel!" bemerkt meine volljaehrige Tochter, als sie die Verpackung des neuen Kartenspiels "Zum Kuckuck" sieht. Das duerfte nicht die einzige derartige Reaktion bleiben. Jedenfalls macht der Verlag F.X. Schmid, wie die Fruehjahrspromotion mit dem Osterhasen zeigt, ganz gezielt auf niedliches Kinderspiel, obwohl das Spielalter auf der Schachtel mit 12 Jahren angegeben ist. Und das wuerde auf Familien- und Erwachsenenspiel deuten, was im Falle von "Zum Kuckuck" absolut richtig ist. Denn schon nach wenigen Runden zeigt sich, dass dieses neue Spiel von Stefan Dorra den Vergleich etwa mit "6 nimmt" (Amigo) und "Hol's der Geier!" (Ravensburger) nicht zu scheuen braucht.
Das Spielmaterial umfasst insgesamt 60 Zahlenkarten mit den Werten 1 bis 60, 24 Kakadu-Karten sowie 24 Nestkarten mit je zweimal den Werten bis 12. Verteilt werden an jede Spielerin und jeden Spieler zu Beginn 12 Zahlenkarten. Einzelne von diesen Karten sind mit einem halben oder einem ganzen Kakadu markiert. Man zaehlt sie zusammen und erhaelt entsprechend viele Kakadu-Karten. Dabei faellt auf, dass einige Spieler weniger Kakadus erhalten, andere mehr. Das mag ungerecht erscheinen, ist es aber nicht: Spieler mit weniger Kakadus haben bessere Zahlenkarten in der Hand. Die 24 Nestkarten werden als verdeckter Stapel auf dem Tisch plaziert.
Der Spielverlauf ist einfach: Die beiden obersten Nestkarten werden aufgedeckt, worauf jeder eine seiner Zahlenkarten auswaehlt und verdeckt vor sich ablegt. Gemeinsam werden sie wie beispielsweise in "Hol's der Geier!" aufgeckt. Wer die hoechste Karte gespielt hat, nimmt die niedrigere der beiden Nestkarten und legt diese offen vor sich ab. Die Spielerin oder der Spieler mit der zweithoechsten Zahlenkarte muss die zweite Nestkarte aufnehmen und diese ebenfalls vor sich ablegen. Nestkarten, die im weiteren Spielverlauf neu hinzukommen, weden immer obendrauf gelegt, so dass ein Stapel entsteht. Der Spieler, der nun die meisten Kuckucks in seinem Nest hat, muss eine seiner Kakadu-Karten umdrehen - ein frech grinsender Kuckuck kommt zum Vorschein.
Ein Durchgang dauert hoechstens zwoelf Runden. Er kann aber auch schon frueher enden, wenn bis auf zwei alle anderen keine Kakadus mehr besitzen, die sich von einem Kuckuck aus dem Nest verdraengen lassen koennten. Dann kommt es Zwischenwertung, bei der nicht umgewandelte Kuckuck einen Punkt ergibt. Vorzeitig ausgeschiedene Spieler erhalten einen Minuspunkt.
Vor dem naechsten Durchgang gibt jeder Spieler, die zwoelf Zahlenkarten und die dazugehoerigen Kakadu-Karten, mit denen er eben gespielt hat, an seinen linken Nachbarn weiter. Entsprechend der Anzahl der Teilnehmenden werden auf diese Weise drei bis fuenf Durchgaenge gespielt. Dann steht der Gewinner fest.
Stefan Dorra hat "Zum Kuckuck" mit einigen tollen Raffinessen ausgestattet, die dieses scheinbar kleine Kartenspiel zu einem witzigen Spielerlebnis machen. Eine ganz zentrale Funktion nimmt dabei die Regelbestimmung ein, wonach das Spiel erst dann endet, wenn jeder einmal mit dem ganzen Kartenblatt gespielt hat. Das hat zur Folge, dass man immer besser darueber informiert ist, welche Karten im Spiel sind. Entsprechend taktischer wird man sich also verhalten, wobei man aber nicht vergessen darf, dass die Mitspieler auch die logischsten und ausgekluegelsten Taktiken unterlaufen koennen, indem sie sich ausgerechnet so verhalten, wie man es nicht erwartet hat.
Das Weitergeben der Karten fuehrt auch dazu, dass jeder - neben dem Rennen um den Gesamtsieg - heimlich auch kleinere Wettbewerbe gegen seine Mitspielerinnen und Mitspieler austraegt. Jeder moechte doch dem andern beweisen, dass es moeglich ist, mit diesen Karten mehr als zwei Punkte zu erzielen!
Solche Spiele machen Spass: Klein im Format, aber vollgepackt mit einer Fuelle von raffinierten taktischen Moeglichkeiten.
(Synes Ernst)
"Zum Kuckuck" von Stefan Dorra, erschienen bei FX Schmid, für 3 - 5 Spieler ab 12 Jahren.