Fünf Jahre Kennerspiel des Jahres

von
Donnerstag, 22. Oktober 2015

Rückblick und Bestandsaufnahme

„Jaaaaaa!“ – Alexander Pfister reißt triumphierend die Arme hoch. Soeben ist sein BROOM SERVICE „Kennerspiel des Jahres“ geworden. Auch Pfisters Co-Autor Andreas Pelikan ist aufgesprungen und klatscht in die Hände. Gemeinsam mit dem Ravensburger-Produktmanager Thomas Zumbühl bilden die beiden direkt vor der Bühne eine Jubeltraube.

Wer den Gefühlsausbruch der Gewinner der Auszeichnung „Kennerspiel des Jahres“ im Juli 2015 auf der Preisverleihung in Berlin erleben konnte, der hat verstanden: Der noch recht junge Preis ist höchst begehrt. Die Auszeichnung zu gewinnen, kommt einem Ritterschlag nahe.


2015: Andreas Pelikan, Alexander Pfister und Thomas Zumbühl freuen sich über die Auszeichnung.

Pfisters und Pelikans BROOM SERVICE ist das mittlerweile fünfte „Kennerspiel des Jahres“. Erster Titelträger war im Jahr 2011 7 WONDERS. Es folgten VILLAGE, DIE LEGENDEN VON ANDOR und ISTANBUL.
Wie kam es dazu, dass die Kritikerjury neben dem „Spiel des Jahres“ und dem „Kinderspiel des Jahres“ nun diesen dritten Preis verleiht?

Ein Blick in die Vergangenheit: Als im Jahr 1978 acht Spielekritiker den Verein „Spiel des Jahres“ gründeten, um jährlich eine Auszeichnung „Spiel des Jahres“ zu vergeben, wollten sie zeigen, dass es mehr als nur MÜHLE; DAME; HALMA und SCHACH gibt. Sie wollten zeigen, dass jedes Jahr neue Spiele auf den Markt kommen. Und dass diese neuen Spiele teilweise überragende Qualität besitzen, weshalb sie möglichst große Aufmerksamkeit verdienen.
Die Auszeichnung zum „Spiel des Jahres“ sollte diesen besonderen Spielen eine erhöhte Aufmerksamkeit verschaffen. Das gelang vorzüglich – nicht zuletzt deshalb, weil sich der erste Preisträger HASE UND IGEL auch gleich als der perfekte Botschafter des neuen Preises erwies.

In der Gegenwart stellt sich die Sache anders dar. Das Brettspiel hat in den 80er und 90er Jahren einen gigantischen Aufschwung erlebt und ist als Freizeitbeschäftigung etabliert. Dass es jedes Jahr neue Spiele gibt, ist einer breiten Öffentlichkeit bewusst.
Und wie! Denn jährlich erscheinen mittlerweile nicht nur zwei oder drei Dutzend – jährlich erscheinen mehrere hundert neue Spiele! Im Laufe der Jahre hat sich der Markt immer weiter aufgefächert und bietet vom fast regellosen Kleinkindspiel bis zum mehrstündigen Strategiekracher ein überwältigendes Angebot für jede Zielgruppe.


2011: 7 WONDERS ist der erste Titelträger.

Die Auszeichnung „Spiel des Jahres“ ist durch diese Entwicklung nicht unwichtiger geworden, ganz im Gegenteil. In dem zunehmend unübersichtlichen Angebot bietet die Auszeichnung „Spiel des Jahres“ Orientierung und Verlässlichkeit. Wer ein „Spiel des Jahres“ kauft, soll darauf vertrauen können, ein herausragend gutes Spiel in Händen zu halten.

„Herausragend gut“ können viele Arten von Spiel sein: Kartenspiel, Würfelspiel, Legespiel, Partyspiel, Taktikspiel und so weiter. Allerdings geht es beim „Spiel des Jahres“ seit jeher um eines nicht: hochkomplexe Spiele für eine Handvoll Eingeweihte. Ziel von „Spiel des Jahres“ ist es, das Kulturgut Spiel in Familie und Gesellschaft zu fördern und zu verbreiten. Und das gelingt nun mal am besten mit herausragenden Spielen für alle.


2012: Kennerspiel des Jahres ist VILLAGE von Inka und Markus Brand.

Dass nach „Spiel des Jahres“ und „Kinderspiel des Jahres“ im Jahr 2011 die dritte Preiskategorie „Kennerspiel des Jahres“ eingeführt wurde, ist demnach erklärungsbedürftig. Denn jetzt gibt es neben dem „Spiel des Jahres“ einen Preis, der sich eben nicht an alle richtet, sondern an Kenner. Wozu?

Blickt man auf die Nominierungslisten der letzten Jahre vor Einführung des Kennerspiel-Preises, zeigt sich, dass das „Spiel des Jahres“ einen großen Spagat schaffen musste. Die Spanne der für die Auszeichnung in Frage kommenden Spiele reichte 2008 von SULEIKA bis STONE AGE, 2009 von FITS bis DOMINION, 2010 von DIXIT bis FRESKO. Oder kurz: von sehr leicht bis recht anspruchsvoll.


2013: DIE LEGENDEN VON ANDOR von Michael Menzel.

Genauso wie sich das Spiele-Angebot immer weiter aufgefächert hatte, hatte sich auch die Zielgruppe aufgefächert. Neben der „Spiel des Jahres“-Klientel der wenig erfahrenen Spieler gibt es mittlerweile auch eine zunehmend große Gruppe derer, die mit dem „Spiel des Jahres“ groß geworden und über die Preisträger intensiver ins Hobby Spiel eingestiegen sind, aber weiterhin auf die Orientierung und Verlässlichkeit der Marke „Spiel des Jahres“ bauen möchten.

Schwerlich kann das „Spiel des Jahres“ beiden Gruppen zugleich gerecht werden. Und um auch weiterhin den etwas erfahreneren Spielern eine Orientierung zu geben, wurde das „Kennerspiel des Jahres“ aus der Taufe gehoben. Auch das „Kennerspiel des Jahres“ soll das Kulturgut Spiel in Familie und Gesellschaft fördern – indem es tiefer einsteigen lässt.
Zweitens soll der Preis Innovation fördern und einen Anreiz bieten, herausragende Spiele in diesem ökonomisch oft nicht so ergiebigen Segment zu veröffentlichen. Und schließlich und nicht zuletzt soll das „Kennerspiel des Jahres“ das „Spiel des Jahres“ bewahren als das, was es ist: ein herausragendes Spiel für alle.


2014: Rüdiger Dorn gewinnt mit ISTANBUL.

Aufgrund dieser Konzeption war klar, dass das „Kennerspiel des Jahres“ nicht dieselbe Verbreitung erreichen würde wie das „Spiel des Jahres“. Trotzdem war der neue Preis von Anfang an erfolgreich und hat sich am Markt und in der öffentlichen Wahrnehmung schnell etabliert. Wir Juroren sehen den großen Erfolg als Bestätigung, dass unsere Annahmen stimmen: 1. Die von uns wahrgenommene Zielgruppe existiert tatsächlich. 2. Es ist eine große Zielgruppe. 3. Sie hat weiterhin das Bedürfnis, sich an den Empfehlungen von Spiel des Jahres zu orientieren. 4. Sie vertraut unserem Logo.

Was das „Kennerspiel des Jahres“ nicht ist und nicht sein will: ein Preis für Experten. Eine Auszeichnung, die Orientierung bieten soll, ist überflüssig für alle, die sich bestens auskennen und den Markt überblicken, also sich allein orientieren. Experten muss man nichts empfehlen, denn sie sind – Experten.
Entsprechend ist auch der Begriff „Kennerspiel“ gewählt. Bis vor fünf Jahren gab es ihn eigentlich nicht, inzwischen taucht er im Sprachgebrauch der Branche mehr und mehr auf und klassifiziert Spiele, die „nicht für Anfänger“, aber gleichzeitig auch „nicht hochgestochen“, sondern irgendwo dazwischen sind. „Kennerspiele“ eben.

Was die bisherigen Preisträger auch gezeigt haben: „Kennerspiel“ soll nicht exakt gleichbedeutend sein mit „komplexes Spiel“ oder „Rechenspiel“ oder „Denkspiel“. Der Preisträger 2013 DIE LEGENDEN VON ANDOR stellt an die Spieler zwar komplexe Anforderungen, kann aber dank seiner beispielhaften Einsteigerregel selbst weniger fortgeschrittene Spieler begeistern. Und so sehr Denken beim Kennerspiel des Jahres 2015 BROOM SERVICE auch hilft: Das Allheilmittel ist es nicht. Die Spieler benötigen auch Mut, Intuition und Glück.


2015: BROOM SERVICE.

Stellt sich zum Schluss nur noch die Frage, ob es bald weitere Preiskategorien geben wird.
Die Vergangenheit zeigt: Für alle Zeit ausgeschlossen ist dies nicht. Doch Änderungen sind derzeit nicht geplant.
An oberster Stelle bei „Spiel des Jahres“ steht weiterhin, den Spielern Orientierung zu geben. Jeder neue Preis läuft Gefahr, Verwirrung zu stiften und die bestehenden Preise abzuwerten. Jeder neue Preis muss deshalb notwendig und begründet sein und sich klar von den bestehenden Preiskategorien unterscheiden. Mit dem Trio „Kinderspiel des Jahres“, „Spiel des Jahres“ und „Kennerspiel des Jahres“ decken wir drei klare Kategorien ab und wenden uns an die drei größten Zielgruppen. Diese Struktur bewährt sich. Es gibt aktuell keinen Grund, sie abzuwandeln.