Gefördert: Spielegruppen in der JVA Ottweiler

Das Projekt fand statt im Rahmen der ev. Seelsorge an der JVA Ottweiler im Gesamtzeitraum von Mai bis Dezember 2018. Das Ziel der Seelsorge im Gefängnis kann grob als eine dem Menschen zugewandte Begegnung und Begleitung im System Strafvollzug vor dem Hintergrund eines christlichen Welt- und Menschenbildes beschrieben werden. Der Einsatz von Spielen bietet dabei viele Möglichkeiten, Kontakte zu knüpfen und (vielleicht ganz unerwartet) heitere Erfahrungen innerhalb einer JVA zu sammeln, wenn persönliche Fähigkeiten stimuliert und entwickelt werden. Auch Herausforderungen  wie das  Verstehen und Anwenden von Regeln, Spielen im Team sowie das Stoßen an die eigenen Grenzen können für alle Beteiligten wichtige Impulse für ihre Einstellung zu sich selbst und ihren weiteren Lebensweg darstellen. 

Nach einer Testphase im Monat Mai, wo wir bei Getränken und Snacks verschiedene Spieletypen ausprobiert hatten, konnte im Juni mit der ersten Anschaffung begonnen und die Projekte gestartet werden.

Spielegruppen im Jugendstrafvollzug

Wir haben verschiedene Settings und Modelle ausprobiert. Zunächst war da die geschlossene Gruppe. In dieser haben sich vier Jugendliche zusammengefunden, die im sonstigen Alltag der JVA als still und zurückhaltend wahrgenommen wurden. Ziel dieser Gruppe war es also, einen geschützten Freiraum anzubieten, wo ohne besonders dominante Insassen in entspannter Atmosphäre eine angenehme Freizeitgestaltung stattfinden konnte. Die Jugendlichen haben sich so (teilweise zu ihrem Erstaunen) ganz anders kennen gelernt. Der Wettkampfgedanke war hier nicht im Vordergrund, am Ende einer Spielstaffel von sechs Treffen gab es für alle Teilnehmer ein gemeinsames Abschiedsessen – jeder war ein Gewinner. Favorit in dieser Gruppe war ein Legespiel, dessen Regeln in kurzen Sätzen erklärt werden konnten und das einen Zeitaufwand von ca. 20 Minuten in Anspruch nahm. Kompliziertere Strategiespiele waren hier genauso wenig gefragt wie zeitintensive Spiele. 

In offenen Gruppen, wo je nach aktueller Lage und Bedarf Insassen in wechselnder Zusammensetzung zusammenkamen, waren Konzentrations- und Geschicklichkeitsspiele sehr populär. Hier konnten je nach Zusammensetzung auch kleinere Wettkämpfe organisiert werden. Besonders hervorragende Spieler sind in diesen Spielerunden nicht aufgefallen, vielmehr war es hin und wieder nötig, schwächeren Jugendlichen Hilfestellungen zu geben und sie in den Spielfluss zu integrieren. Bemerkenswert war, dass es sehr schnell keine große Rolle spielte, ob man zur selben Clique gehörte oder nicht.  

Spielegruppen in den Wohneinheiten des Erwachsenenvollzugs

Eine Besonderheit in dieser Personengruppe ist, dass viele Insassen nur für kurze Zeit vor Ort sind, auch befinden sie sich darüber hinaus in einer Form des offenen Vollzugs. Das heißt, sie können ihren Haftraum verlassen, Gemeinschaftsräume benutzen und genießen deshalb eine größere Freiheit in ihrer Bewegung bzw. Freizeitgestaltung. Aus diesem Grund haben in dieser Abteilung ausschließlich offene Spielegruppen stattgefunden. Auch wenn es einen festen Stamm von Interessenten gab, war es jederzeit möglich, dass Interessierte zur Gruppe hinzukamen. Manchmal wurde bei großem Interesse die Gruppe geteilt und es fanden zwei  Gruppen gleichzeitig in einem Raum statt. Hier zeigte sich schon, dass es einzelne sehr begabte und den anderen überlegene Spieler gab , dennoch haben die Teilnehmenden durchweg problemlos einen Zusammenhalt für den Zeitraum des Spielens hergestellt. Das Spektrum der möglichen Spiele war hier weiter, wobei allerdings bei steigendem Anspruch an das Teamplay mit erforderlicher Feinabstimmung innerhalb der eigenen Gruppe so manche Grenze deutlich wurde.

Mein persönliches Fazit nach dieser umfangreichen Projektzeit ist, dass ich immer wieder erleben konnte, wie im und durch das Spiel verborgene, aber besonders wertvolle Saiten des Menschseins zum Klingen gebracht werden können – trotz der möglichen Schatten der eigenen Vergangenheit. Ich bin darum sowohl unserem Sponsoring-Partner als auch allen Beteiligten und Mitarbeitenden der JVA Ottweiler sehr dankbar.

Lars Pferdehirt
Seelsorger in der JVA Ottweiler

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