Ordnung und Erinnerung

von
Donnerstag, 10. Januar 2019

Mein Vater ist Ordnungsfanatiker durch und durch. Als ich vor etwa zehn Jahren mein Elternhaus verließ und meine erste eigene Wohnung bezog, da dauerte es keinen Monat, bis er mein altes Kinderzimmer mit dem Kommentar „Komm bloß nicht auf die Idee, hier nochmal einzuziehen“ in sein persönliches Büro-Paradies umgewandelt hatte: Inklusive eines großen offenen Regals mit mehreren dutzend Ordnern, akkurat beschriftet und farblich nach Themen sortiert. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es keinen ordentlicheren Raum als diesen gibt. Nirgends.
Ein weiterer Ausdruck der Ordnungsliebe meines Vaters sind seine diversen Tabellen über alles Mögliche. Mein persönliches Highlight: Eine Excel-Datei mit dem klangvollen Namen „Leuchtmittel.xls“, in der er ganz genau Buch darüber führt, in welchen Räumen er welche Glühbirnen braucht und wie viele er davon noch vorrätig hat.

Aus Erzählungen weiß ich, dass mein Vater nicht immer so war. Als junger Erwachsener soll er sogar ein ziemlicher Chaot gewesen sein, bis dann irgendwann die Bürokraten-Metamorphose einsetzte. Mit nunmehr selber 32 Jahren frage ich mich deshalb, ob mir das auch noch bevorsteht. Bislang würde ich meine private Akten-Führung als eher leidenschaftslos bezeichnen, auch wenn ich mir mittlerweile antrainiert habe, alles zumindest halbwegs zeitnah anzuschauen und wegzuheften. Ich verfalle dabei aber nicht so sehr in dieses extatische Zucken, das man bei meinem Vater beobachten kann.

Die Leidenschaft für Listen und Tabellen teile ich hingegen bereits seit Jahren mit ihm. Anders als mein Vater führe ich aber nur über die wirklich wichtigen Dinge im Leben Liste. Zum Beispiel darüber, welche Spiele ich wann mit wem gespielt habe. Damit begonnen habe ich bereits im Jahr 2009, und so kann ich nun auf einen Datensatz mit mehr als 5.000 Einträgen zurückblicken. Erfasst habe ich die Daten über die Jahre mit ganz unterschiedlichen Systemen. Angefangen – in konsequenter Fortsetzung der Familien-Tradition – mit einer Excel-Liste, dann mithilfe der englischsprachigen Spieledatenbank boardgamegeek.com, dann wieder Excel und schließlich über Smartphone-Apps (aktuell „BG Stats“ für Android). Ich erfasse in der Regel nur „echte“ Partien, also keine Partien aus Spiele-Apps oder sonstigen Plattformen, um die Zahlen nicht künstlich aufzublähen. Aus dem gleichen Grund erfasse ich auch bei sehr kurzen Spielen wie etwa Loopin' Louie nicht jede einzelne Partie, sondern erstelle nur einen Eintrag pro Spieleabend. Insbesondere in der Anfangszeit habe ich das aber auch gerne mal anders gemacht oder einfach eine Zeit lang die Eintragungen vergessen, weshalb meine Liste nicht hundertprozentig belastbar ist. Für ein paar nette Statistik-Spielereien kann sie trotzdem herhalten. Also los:

Laut meinen Aufzeichnungen habe ich im Zeitraum vom 20.11.2009 bis zum 26.12.2018 insgesamt 5.313 Partien erfasst. Gespielt habe ich dabei 1.182 unterschiedliche Spiele mit 177 namentlich genannten Mitspielern sowie einer nicht zu ermittelnden Anzahl anonymer Mitspieler, die es nicht zu einem eigenen Namens-Eintrag geschafft haben. Alleine im Jahr 2018 habe ich in 640 Partien 238 unterschiedliche Spiele mit 68 namentlich erfassten Mitspielern notiert. Überragende 57 % meiner Partien habe ich – spielebegeisterten Partnerinnen sei Dank – zu zweit gespielt, 18 % zu viert und 17 % zu dritt. Meine meistgespielten Spiele sind Dominion (214 Partien), Codenames: Pictures (111 Partien) und Summoner Wars (61 Partien). Am häufigsten spiele ich samstags und sonntags (jeweils 19% meiner Partien), während ich montags und dienstags eher spielfaul bin (jeweils 10 %). Meine Ehefrau ist – gemessen an der Anzahl der gespielten Partien – meine Top-Mitspielerin. Allerdings hat sie es erst kurz nach unserer Hochzeit im September geschafft, einer meiner Ex-Freundinnen diesen Rang abzulaufen, womit ich sie im Vorfeld wunderbar aufziehen konnte. Eine Gewinn- oder Punktestatistik führe ich nur sporadisch: Böse Zungen behaupten, dass ich Siegpunkte nur dann eintrage, wenn ich selber gewonnen habe.

Und das war es dann auch schon. Klar, ich könnte meine lange Liste nun noch mit hundert Filtern versehen und noch viel beklopptere Sachen aus ihr herauslesen. Aber so genau will ich es dann gar nicht wissen. Doch wozu nun das Ganze? Für so eine dünne Statistik und das bisschen Rumgeprahle mit dem eigenen Erfahrungsschatz lohnt sich der Aufwand doch wohl nicht? Und so einen wirklich praktischen Nutzen hat die Liste ja auch nicht, auch wenn es – gerade als „Spiel des Jahres“-Juror – durchaus hilfreich ist, schnell herausfinden zu können, mit welchen Spielgruppen und Spielerzahlen ich bestimmte Spiele schon ausprobiert habe. Doch auch das ist nicht der Grund, der mich seit über neun Jahren antreibt, das alles aufzuschreiben.

Viel wichtiger als Zahlen, Statistik und Überblick ist mir etwas ganz Anderes: Meine Spiel-Aufzeichnungen sind für mich längst zu einer Art Tagebuch geworden. Ein Tagebuch, das zwar nur mit ein paar Spieletiteln und Eckdaten gefüllt ist, das bei mir aber ganz konkrete Erinnerungen hervorrufen kann, bei denen das Spiel selber dann schnell in den Hintergrund tritt.

Wenn ich nur ein paar Minuten lang in meinen Listen rumstöbere, bricht eine riesengroße Lawine an teilweise banalen, teilweise lustigen, teilweise wirklich einschneidenden Erinnerungen über mich ein: 
2009, meine glücklosen Versuche, meine damaligen desinteressierten Freunde zum Mitspielen zu bewegen. Ein Spieleabend im Juni 2011, unter anderem mit meiner Langzeitfreundin. Der letzte mit ihr, weil sie am nächsten Tag mit mir Schluss machte. Spielebekanntschaften in einer Ökotrophologinnen-WG, bei einem Rockabilly-Flugbegleiter-Pärchen oder – für mich mit Mitte 20 besonders freakig – bei einem 45-jährigen Familienvater. Zahlreiche Partien mit einem alten Schulfreund, mit dem ich eine Zeit lang immer um Centbeträge spielte, die in einen gemeinsamen Pott wanderten und später brüderlich auf den Kopf gehauen wurden. Mein spielebegeisterter Nachbar, der nur fünf Häuser nebenan wohnte, den ich aber erst über ein internationales Brettspielwichteln kennengelernt habe. 2012, eine neue Freundin, die nicht glauben konnte, dass das mit der Brettspielsammlung kein blöder Anmach-Spruch war. Eine Einladung zum Spieleabend der „Spiel des Jahres“-Jury. Später, plötzlich als Teil ebenjener Jury, auf großer Reise, eine Partie Werwölfe mit deutschen Bundeswehrsoldaten an der türkisch-syrischen Grenze. Dann die ersten Partien mit meiner späteren Ehefrau. Spielen, auf Familienfeiern, auf Geburtstagen im Freundeskreis, an Silvester oder wann auch immer. Spielen, mit Gott und der Welt, mit immer neuen Bekanntschaften, aus denen oft Freundschaften wurden, die vielleicht auch wieder endeten. Wahnsinn.

Oder, um mal ein Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit zu nehmen, diese zugegebenermaßen sehr kurze Partie Husarengolf, die mir trotz meiner wirklich plausiblen Argumentationskette leider nicht als Hochzeitstanz angerechnet wurde:

(Anm. d. Redaktion:) Nein, das ist wirklich kein Tanz! 
Foto: Stefan Klose, Rheinlandfotografie

Zugegeben, das mag jetzt alles nach sehr viel Kitsch und Pathos klingen. Aber in diesen 5.313 Partien versteckt sich schon wirklich viel von meinem Leben, und deshalb bin ich sehr froh, dass ich diese eigentlich ziemlich unnütze Liste so lange geführt habe. Und ich bin gespannt darauf, welche weiteren Geschichten sich in den nächsten 5.000 Partien verbergen werden.

Ob mein Vater anhand seiner Leuchtmittel.xls auch solche Geschichten erzählen kann? Keine Ahnung. Zuzutrauen wäre es ihm aber wohl.

Martin Klein