Tag der Brettspielkritik

Spielekritiken findet man an vielen verschiedenen Orten: In Zeitungen, in Fachmagazinen, im Radio und im Internet. Die einen rezensieren Brettspiele im Rahmen ihrer beruflichen Tätigkeit, die anderen verstehen dies als Hobby und publizieren ihre Spielkritiken ihn einem Blog, einem Podcast oder auf YouTube.

Das Spiel ist ein Teil unserer Kultur, die Spielekritik ist ein Teil der Kulturkritik. Die Jury Spiel des Jahres beschäftigt sich sehr intensiv mit diesem Themengebiet: Wo steht die Brettspielkritik, was verändert sich, wo liegen die Perspektiven? Zu diesem Zweck fand vom 21. bis 23. Juni 2019 zum ersten mal der Tag der Brettspielkritik statt.


Spiel und Kulturkritik

Mehr als 60 Spielejournalistinnen und -journalisten sowie Bloggerinnen und Blogger kamen, als der Verein „Spiel des Jahres“ zum Tag der Brettspielkritik nach Hamburg einlud. „Leider erfahren wir in vielen Texten über Spiele wenig darüber, was sie mit uns machen“, sagte Stefan Gohlisch in der Eröffnungsrede und beschrieb damit einen roten Faden, der sich durch die Workshops und Diskussionsrunden der Veranstaltung zog. „Wir schreiben Rezensionen, die sich auf die Nacherzählung der Regeln beschränken“, beklagte Gohlisch, Mitglied der Jury Spiel des Jahres. „Wir schauen Menschen beim Unboxing zu und diskutieren über Kartenglück und Mechanismen. Aber darüber, was die Spieler fühlen, erfahren wir nur wenig.“ Spielekritiken, die wirklich spielerisch sind, über man lachen kann oder die uns anrühren, seien selten. Der Kulturredakteur der Hannoveraner Neuen Presse fragte, warum zu oft nüchterne Erklärungen geliefert und zu selten die Beschreibungen von Emotionen

„Dabei bieten moderne Spiele doch so viel Potenzial für spannende und unterhaltsame Rezensionen. Ein ‚Pandemic Legacy‘ hat mindestens so viel erzählerische Tiefe wie die akut angesagte Fernsehserie. Ein ‚Les Poilus‘ berührt uns wie ein Roman, den wir auch nach der letzten Seite einfach nicht zuklappen wollen“, stellte Stefan Gohlisch fest. „Warum bewerten wir Spiele wie diese oft nur nach ihrem Regelgerüst und nicht nach dem, was wir dabei erleben?“

Spiele zu erfahren, sei etwas Elementares. „Wir wissen, wenn sie uns Freude bereiten, wenn sie uns frustrieren, wenn sie uns einzigartige Erlebnisse bescheren. Lasst uns Worte dafür finden! Lasst uns andere Menschen begeistern, ihnen das Gefühl geben, dass sie etwas verpassen, wenn sie nicht spielen! Lasst uns stolz sein auf das, was wir tun!“, appellierte Gohlisch an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Tags der Brettspielkritik. „Bleibt kritisch! Und spielerisch!“

 

Text: Tim Koch, Foto: Harald Schrapers, Video: Stefan Zerlik.


Sechs Workshops

Sehr lebendig waren die Diskussionen in den Workshops, die auf dem Tag der Brettspielkritik auch für Bewegung sorgten. Denn im 30-Minuten-Takt durften die Teilnehmenden den Workshop und damit dem Raum wechseln, um eine große Bandbreite an Themen in recht kleinen Gruppen zu besprechen. 

Insgesamt gab es sechs Workshops:

  • Kritische Rezensionen, lobende Spieletipps – wo sind die Grenzen einer sachkundigen und unabhängigen Spielekritik? (mit Andreas Becker, Weser Kurier)
  • Was kann die Spielekritik von der Theater-, Film- und Buchkritik lernen? (mit Stefan Gohlisch, Neue Presse Hannover)
  • Ist die Berichterstattung über digitale Spiele ein Vorbild? (mit Manuel Fritsch, Insert Moin)
  • Spielen ist Männersache?! Spielekritik und Geschlechterrollen (mit Katrin Reil, Spiel doch!)
  • Familien- und Kinderspiele – wie kann ich als Kritiker die Sicht der Kinder einbeziehen? (mit Harald Schrapers, spielbox)
  • Wie sieht der New Boardgame Journalism aus? (mit Guido Heinecke, ehemals Tric Trac)

(v.l.n.r.) Harald Schrapers, Guido Heinecke, Katrin Reil, Wieland Herold, Andreas Becker, Manuel Fritsch, Stefan Gohlisch

In der anschließenden Runde, die von Wieland Herold moderiert wurde, wurde die Quintessenz der Workshops präsentiert, da alle Teilnehmenden nur jeweils die Hälfte der Workshops erlebt hatten. Herold wies dabei darauf hin, dass der Verein Spiel des Jahres bereits 1992 eine ähnliche Veranstaltung durchgeführt habe, und zwar in Marburg. Vieles, das damals diskutiert worden sei, erinnere ihn an die Debatten von heute. Allerdings habe man damals „adressatenbezogener“ diskutiert und die Wirkung von Spielekritik auf Publikum, Autoren und Verlage in den Blick genommen. „In unserer Zeit spielen mediale Kanäle eine ganz andere Rolle, als das damals der Fall war“, sagte Wieland Herold.

Text und Foto: Harald Schrapers, Video: Stefan Zerlik.

Weitere Beiträge folgen.


Materialien und Handouts der Tagung als Download: